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Manchmal schreibt der Fußball seine Geschichten mit einem Augenzwinkern - und einem späten Hammer. 59.000 Zuschauer im ausverkauften Stadion von Osnabrück sahen ein Pokalfinale, das von allem etwas hatte: frühe Gelbe Karten, jugendlichen Übermut, rote Wangen, eine Gelb-Rote Karte - und am Ende ein Last-Minute-Tor, das selbst Hollywood sich nicht kitschiger hätte ausdenken können. Eintracht Völlen besiegte den VfL Osnabrück mit 3:2 (1:1) und holte sich damit den Pokal, während die Lila-Weißen mit gesenkten Köpfen in die Nacht verschwanden. Dabei hatte alles so verheißungsvoll für die Gastgeber begonnen. In der 22. Minute zimmerte Marco Richter einen satten Linksschuss ins Netz - nach Vorarbeit von Klaus Kirchner, der zuvor über rechts durchmarschiert war wie ein Teenager im Sommerschlussverkauf. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt", grinste Richter später, "der Ball wollte wohl nach Hause." Das Stadion bebte, die Fans sangen, und Trainer Carsten Baumann ballte die Faust. Doch Völlen blieb cool. Ihr Trainer Dennis Hees hatte vor dem Spiel noch gewarnt: "Wir sind keine Schönspieler, wir sind Pläne-Macher." Und tatsächlich - die Blau-Weißen zogen ihren Plan durch. Mit 62 Prozent Ballbesitz und 16 Torschüssen waren sie das dominierende Team, auch wenn ihr Stil eher an Präzisionsarbeit erinnerte als an Spektakel. In der 39. Minute zahlte sich die Geduld aus: Guillermo Mingo flankte butterweich von links, Michael MacLachlan rauschte heran und köpfte zum Ausgleich - 1:1. Nach der Pause wurde es ruppiger. Osnabrück spielte weiter offensiv, aber Völlen lauerte. Und dann kam die 57. Minute: Mingo, der schon zuvor auffällig war, nutzte eine Schlafmützigkeit in der Osnabrücker Abwehr und traf selbst - 1:2. "Ich hab nur gesehen, dass niemand rausrückt. Da musste ich mich fast entschuldigen, dass ich den reinmache", witzelte der 32-jährige Argentinier nach dem Spiel. Die Gastgeber schienen kurz geschockt, doch dann kam die Jugend zur Rettung. Der erst 21-jährige Liam Wahl, frisch eingewechselt, drückte in der 66. Minute einen flachen Ball von Johannes Hirsch über die Linie - 2:2! Das Stadion explodierte, Hirsch rannte jubelnd zur Eckfahne, und Trainer Baumann schrie: "Jetzt zeigen wir’s ihnen!" Leider zeigte Hirsch wenig später dem Schiedsrichter zu viel Einsatz: Gelb in der 51. Minute, Gelb-Rot in der 69. - Feierabend. "Ich wollte nur den Ball spielen", murmelte der bedröppelte Außenverteidiger später. Fortan kämpfte Osnabrück in Unterzahl. Baumann brachte Meik Beer für den ausgepumpten Kroll, stellte um, ließ aufopferungsvoll verteidigen. Doch Völlen drückte - und drückte. Preston, Pudil, Mingo - sie alle feuerten aus allen Lagen. Torwart Karl Wagner, Osnabrücks 19-jähriger Schlussmann, wuchs über sich hinaus und hielt alles, was zu halten war. Bis zur Nachspielzeit. 92. Minute. Joris Manser flankt von links, der Ball senkt sich gefährlich - und Martin Pudil schraubt sich in die Luft. Kopfball, Innenpfosten, Tor. 3:2! Eintracht Völlen jubelt, Osnabrück liegt am Boden. "Ich hab gar nicht gesehen, dass er drin ist", sagte Pudil grinsend. "Ich hab nur das Netz wackeln sehen - und dann war alles blau-weiß." Trainer Hees fiel seinem Co-Trainer um den Hals. "Wir haben’s uns verdient, weil wir nie aufgehört haben zu glauben", sagte er später mit tränennasser Stimme. Auf der anderen Seite saß Baumann minutenlang auf der Bank, starrte ins Leere und murmelte: "Wenn du in der 92. verlierst, ist das wie ein Stich ins Herz - aber das ist Fußball." Statistisch war Völlen der verdiente Sieger: mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr Geduld. Aber Osnabrück hatte das Herz auf dem Platz. Und manchmal ist das nicht genug. Als der Schiedsrichter abpfiff, applaudierten selbst einige Heimfans den Gästen. Fußball kann grausam sein - aber auch ehrlich. Und während Völlen den Pokal in den Nachthimmel reckte, sagte ein älterer Osnabrück-Fan auf der Tribüne: "Naja, wenigstens hat’s sich gelohnt herzukommen. So ein Drama sieht man nicht alle Tage." Eintracht Völlen darf feiern. Osnabrück darf trauern. Und wir dürfen uns freuen, dass der Fußball immer wieder beweist, warum er die schönste Nebensache der Welt ist. 13.04.643990 13:47 |
Sprücheklopfer
Mann! Mehr Abseits geht nicht! Also ehrlich!
Christoph Daum zum Linienrichter