// Startseite
| Sportecho |
| +++ Sportzeitung für Deutschland +++ |
|
|
|
Es war ein lauer Maiabend in Eschborn, aber die Stimmung im Stadion glich einem Druckkessel: 56.856 Zuschauer - fast schon unverschämt viele für ein Spiel, das "nur" den 13. Spieltag der 1. Liga Deutschland markierte. Und sie sollten ihr Kommen nicht bereuen - zumindest die Gäste aus Bonn nicht. Am Ende stand ein 3:2-Auswärtssieg für den Bonner SC, der einerseits von eiskalter Effizienz, andererseits von Eschborner Verzweiflung lebte. Dabei fing alles so verheißungsvoll für die Gastgeber an. Schon in der 5. Minute prüfte Xavier Ximenis den Bonner Torhüter Panero mit einem kernigen Linksschuss. "Ich wollte einfach mal sehen, ob der wach ist", grinste der Flügelspieler später. Der war wach - und wie. Doch dann, wie aus dem Nichts, der erste Nadelstich: Michel Eliezer, Bonns erfahrener Linksaußen, zimmerte in der 9. Minute den Ball nach einem Abpraller trocken ins Netz. 0:1, und plötzlich war es in der Arena still wie am Montagmorgen im Büro. Eschborn schüttelte sich kurz, rannte wütend an, und in der 24. Minute belohnte sich das Team von Trainer Yas Sin: Nach perfektem Zuspiel von Ximenis traf Bernt Geier zum Ausgleich. "Wir haben den Ball laufen lassen wie im Training - nur dass er diesmal reinging", kommentierte Geier süffisant. Doch kaum hatten die Fans das Tor bejubelt, klingelte es wieder hinten: Yannick Van Moer, Bonns junger Rechtsaußen mit den schnellen Beinen, schloss drei Minuten später eiskalt ab - 1:2. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte er später lachend. Mit diesem Zwischenstand ging es in die Pause. Die Eschborner hatten bis dahin 59 Prozent Ballbesitz, sieben Torschüsse mehr - aber eben ein Tor weniger. "Das ist Fußball", meinte Trainer Sin trocken. "Manchmal schießt du 14 Mal und triffst zweimal, der Gegner schießt sieben Mal und macht drei." Treffender hätte man das Spiel kaum zusammenfassen können. Nach dem Seitenwechsel erhöhte Eschborn das Pressing, ging auf den Ausgleich. Ximenis, Geier und der engagierte Jacob Holz wirbelten, als hinge ihr Leben davon ab. Doch Bonns Abwehr, angeführt vom bulligen Amaury Martins, hielt stand. Martins brüllte seine Mitspieler an, als wäre er der Trainer persönlich - und tatsächlich: Coach Lukas Teuber ließ ihn gewähren. "Wenn Amaury schreit, hören alle", grinste Teuber später. Die Partie wurde ruppiger. In der 61. Minute sah Bonns Rechtsverteidiger Mario Baiao Gelb, vier Minuten später Gelb-Rot - ein Doppelschlag, der selbst seine Oma zu Hause in Lissabon überrascht haben dürfte. "Ich wollte nur den Ball", beteuerte Baiao, während er vom Platz trottete. "Ja, den Ball - und vielleicht auch den halben Gegner", murmelte ein Ordner hinter ihm. Mit einem Mann mehr witterte Eschborn seine Chance. Doch statt des Ausgleichs kam der nächste Dämpfer: Wieder Van Moer, diesmal nach Zuspiel von Amaury Costinha, traf in der 73. Minute zum 1:3. Der Bonner Anhang in der Gästekurve drehte durch, während Eschborns Torwart Logan Cochran stoisch den Ball aus dem Netz fischte. "Ich hab ihn kommen sehen - aber ich war auch nicht Superman", gab er hinterher ehrlich zu. Eschborn gab nicht auf, rannte weiter an, und in der 84. Minute sorgte Ximenis nach Flanke von Ivo Bednar für das 2:3. Noch einmal kochte das Stadion. "Da war wieder Hoffnung", sagte Trainer Sin. Doch die Bonner verteidigten das Ergebnis mit allem, was sie hatten - inklusive Zeitspiel, Diskussionen mit dem Schiedsrichter und einem taktischen Ball-ins-Aus, der fast schon Kunst war. Am Ende blieb es beim 2:3. Die Statistik sprach klar für Eschborn: 14 Torschüsse, knapp 60 Prozent Ballbesitz, bessere Zweikampfquote. Nur das Ergebnis - das sprach mit Nachdruck gegen sie. "Wir haben aus wenig viel gemacht", resümierte Bonns Trainer Teuber und lächelte, als hätte er gerade ein Schachspiel gewonnen. Sein Gegenüber Yas Sin dagegen blickte ins Leere: "Wir spielen gut, wir kämpfen, und dann trifft der Van Moer zweimal - was soll man da machen?" Was man da machen soll? Vielleicht einfach lachen. Denn wenn man ehrlich ist: Dieses Spiel war ein Lehrstück in Sachen Effizienz, gepaart mit einer Prise Chaos und einer Portion Ironie. Und irgendwo auf der Tribüne soll ein alter Fan gemurmelt haben: "Eschborn schießt, Bonn trifft. Das Leben ist ungerecht." - Stimmt. Aber genau deshalb lieben wir diesen Sport. 27.10.643999 14:49 |
Sprücheklopfer
Es gibt Phasen, da ist man etwas angespannter. Das ist doch menschlich. Es wäre doch blöd von mir, den Schauspieler zu mimen.
Rudi Völler