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Das Flutlicht über dem Marzahner Stadion glühte, als hätte jemand vergessen, den Dimmer zu finden. 33.132 Zuschauer sahen ein Spiel, das in zwei Akten unterschiedlicher Wahrheit verlief: erst souveräne Berliner Dominanz, dann niedersächsische Aufholjagd mit Ansage. Am Ende hieß es 2:2 - und beide Trainer sprachen danach so, als hätten sie gewonnen. Die Gastgeber vom FC Marzahn legten los wie ein Bezirksamt im Ausnahmezustand: strukturiert, effizient, aber mit einer gewissen bürokratischen Kälte. Schon in der 9. Minute zappelte der Ball im Netz. Tyler Carsley, der rechte Flügelstürmer mit der Körpersprache eines britischen Gentleman und dem Schuss eines Presslufthammers, verwertete eine butterweiche Hereingabe von Linksverteidiger Timm Franke. "Ich hab einfach draufgehalten - und gehofft, dass keiner im Weg steht", grinste Carsley später. Osnabrück, anfangs mit einer Taktik zwischen "Alles nach vorn!" und "Mal sehen, was passiert", fand kaum statt. Die Marzahner hielten mit 53 Prozent Ballbesitz das Heft fest in der Hand. Und als Patrick Moritz in der 31. Minute nach feinem Doppelpass mit Pedro Valdes zum 2:0 einschob, roch es nach einem ruhigen Abend in der Hauptstadt. "Da dachte ich, das Ding sei durch", gab Trainer Frank Henning später zu und fügte trocken an: "Dumm von mir." Denn nach der Pause kam Osnabrück mit einer anderen Körperhaltung aus der Kabine. Trainer Carsten Baumann hatte offenbar den Lautstärkeregler seiner Halbzeitansprache gefunden. "Ich hab ihnen gesagt, sie sollen endlich Fußball spielen und nicht Briefmarken sammeln", verriet er mit einem schiefen Lächeln. Und siehe da: Nur zwei Minuten nach Wiederanpfiff verkürzte Torsten Reiter - nach Vorlage des umtriebigen Marco Richter - auf 2:1. Die Gastgeber, bis dahin taktisch auf "ausgewogen" und "Konter" eingestellt, fanden plötzlich keine Umschaltsituationen mehr. Vielleicht war es die eigene Bequemlichkeit, vielleicht der aufkommende Wind der Osnabrücker. Jedenfalls kippte das Spiel. Reiter, jetzt in Hochform, prüfte Keeper George Eliot gleich mehrfach (47., 49., 60.), während Marzahn in Schönheit erstarrte. In der 60. Minute brachte Henning frische Beine: Tyler Carsley raus, Alex Bruni rein. Das half zunächst wenig. Osnabrück drückte weiter, und in der 73. Minute fiel der verdiente Ausgleich. Wieder war es Richter, der über links kam und den 21-jährigen Liam Wahl bediente - der traf mit der Unbekümmertheit eines Spielers, der noch keinen Vertragspoker kennt. "Das war pure Freude", sagte Wahl später, "ich dachte gar nicht, dass der Ball so reingeht. Aber dann brüllte mich Torsten an - da wusste ich, es hat wohl geklappt." Marzahn wirkte danach konsterniert, fast beleidigt. Gelbe Karten für Franke (76.) und Moritz (81.) zeigten, dass die Nerven blank lagen. Auch Osnabrücks Dirk Mai ließ sich in der 83. Minute eine Verwarnung notieren - wohl aus Solidarität. Die Schlussminuten gehörten dann wieder den Gastgebern. Pedro Valdes prüfte den eingewechselten Osnabrücker Keeper Karl Wagner in der 86. Minute, und der junge Mann parierte mit einem Reflex, der in jedem Torwartlehrbuch einen Platz verdient hätte. In der Nachspielzeit (94., 95., 96.) feuerten Bytschkow, Valdes und Bruni noch einmal das volle Marzahner Arsenal ab - doch der Ball wollte nicht mehr rein. "Das fühlt sich an wie eine Niederlage", knurrte Henning nach dem Abpfiff. "Wenn du 2:0 führst und am Ende so wackelst, musst du dich fragen, ob du das falsche Trikot anhattest." Baumann dagegen sprach von einem "Punkt des Charakters" und lobte seine Mannschaft: "Wir haben nie aufgehört zu glauben. Und diesmal hat uns niemand ausgelacht." Die Statistik untermauert die Ausgeglichenheit: 10 Torschüsse pro Team, Ballbesitz fast pari, Zweikampfquote ein Münzwurf. Nur die Dramaturgie war ungleich verteilt - sie gehörte klar Osnabrück. Als die Marzahner Fans nach Spielende noch immer "Marzahn, du Schöne" sangen, schlich Henning mit hängenden Schultern in die Kabine. Baumann hingegen klatschte seine Spieler ab, als hätte er gerade die Meisterschaft gewonnen. Vielleicht war es nur ein Punkt, aber einer, der sich wie drei anfühlte. Und irgendwo im Berliner Osten war zu hören, wie ein enttäuschter Fan murmelte: "Immer diese zweite Halbzeit. Vielleicht sollten wir einfach nach 45 Minuten abpfeifen." Ein Vorschlag, den wohl nur der FC Marzahn gut fände. 04.11.643987 11:43 |
Sprücheklopfer
Da wir nicht voll auf Niederlage spielen, spielen wir voll auf Sieg.
Berti Vogts