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Wer an diesem warmen Aprilabend im Estadio Nacional von Lima auf eine ausgeglichene Partie gehofft hatte, wurde schon nach einer Viertelstunde eines Besseren belehrt. 37.721 Zuschauer sahen eine Lehrstunde in Sachen Geduld, Präzision und Flügelspiel - geliefert von der Academia Lima, die Atletico Somos mit 3:0 (2:0) aus dem Stadion kombinierte. "Wir wollten Fußball spielen, sie wollten zusehen", knurrte Atletico-Trainer Rock Mini später mit einem bitteren Lächeln. Ganz unrecht hatte er nicht. Die Gäste aus der Hauptstadt ließen von Beginn an keinen Zweifel, wer hier das Kommando übernahm. Bereits in der 2. Minute prüfte Carlos Galindo mit einem satten Linksschuss den jungen Keeper Vitor Suarez - der erste von insgesamt 24 Torschüssen Limas (ja, vierundzwanzig!). Atletico brachte es auf exakt einen. Einen einzigen. Der Unterschied zwischen den Teams zeigte sich schon in der Körpersprache. Während Lima in kurzen, präzisen Pässen das Mittelfeld dominierte - 54,4 Prozent Ballbesitz, gefühlt aber 80 -, wirkten die Gastgeber überfordert. In der 14. Minute war es dann soweit: Der 19-jährige Pedro Yago, der aussieht wie ein Schüler, aber schießt wie ein Profi, traf nach feiner Vorarbeit von Galindo zum 0:1. Suarez im Tor von Somos streckte sich vergeblich. "Ich hab ihm gesagt, er soll einfach machen, was er im Training immer macht", erklärte Akademia-Coach Olli Kahn nach dem Spiel und grinste. "Nur diesmal war der Ball tatsächlich drin." Atletico versuchte zu reagieren, aber es blieb beim Versuch. In der 11. Minute hatte Antonio Oliveira den einzigen Torschuss seines Teams. Danach - Funkstille. Kurz vor der Pause dann das 0:2: Christiano Meireles, Limas bulliger Rechtsaußen, verwertete eine butterweiche Flanke von Pedro Yago. Die Szene wirkte fast wie aus dem Lehrbuch: Flügel, Tempo, Abschluss. Und während die Somos-Verteidiger noch die Abseitslinie suchten, jubelte Meireles schon. Zur Halbzeit sah man Coach Mini wild gestikulierend an der Seitenlinie. "Ich hab ihnen gesagt, sie sollen aggressiver werden", verriet er später. "Aber anscheinend haben sie mich zu wörtlich genommen." Denn in der 71. Minute kassierte Innenverteidiger Silvestre Vaz die Gelbe Karte, nachdem er Meireles mit einer Grätsche auf den Rasen schickte, die eher nach Ringerturnier aussah. In der 78. Minute wurde es noch bitterer für die Gastgeber: Antonio Oliveira, der bis dahin zumindest Laufbereitschaft gezeigt hatte, verletzte sich bei einer unglücklichen Landung und musste raus. Mini brachte den Verteidiger Marcio Baiao - wohl in der Hoffnung, wenigstens das Ergebnis zu stabilisieren. Doch zwei Minuten später entschied Meireles die Partie endgültig. Nach schnellem Doppelpass mit Carlos Galindo zog er aus 16 Metern ab - 0:3. Suarez streckte sich erneut, diesmal eher aus Gewohnheit. Meireles rannte jubelnd zu seinem Trainer, der ihn auf typisch Kahn’sche Art empfing: mit einem Brüller und einem Schulterklopfen, das beinahe ein Foul gewesen wäre. "Ich hab gesagt: Lass den Ball laufen, dann läuft das Spiel", grinste Kahn in der Pressekonferenz. "Und siehe da - sie haben’s verstanden." Atletico hingegen verstand gar nichts. Kein Pressing, keine Ideen, kein Glück. 41,5 Prozent Zweikampfquote sprechen Bände. Selbst der Stadionsprecher klang irgendwann resigniert, als er in der 89. Minute den 24. Schussversuch Limas ankündigte - diesmal von Javier Santos, der sich offenbar vorgenommen hatte, jede Minute einmal aufs Tor zu schießen. Limas Taktik war so unspektakulär wie effektiv: ausgewogen, viel über die Flügel, kurze Pässe, kein unnötiges Risiko. Somos blieb ebenfalls "balanced", nur leider ohne Balance. Der Unterschied lag im Willen, und vielleicht auch in der Technik. Nach dem Abpfiff suchte Trainer Mini Trost in Ironie: "Immerhin haben wir das 0:4 verhindert." Der Satz löste im Presseraum Lachen aus - und ein zustimmendes Nicken von Kollege Kahn, der trocken anfügte: "Das war heute definitiv kein Spiel, das in die Kategorie ’ausgeglichen’ fällt." Zurück bleibt ein klarer Eindruck: Academia Lima ist in dieser Form ein Titelkandidat, während Atletico Somos dringend nach einer Spielidee suchen muss - oder nach einem Wunder. Und irgendwo auf der Tribüne summte ein Fan leise: "So spielt man Fußball." Selbst Rock Mini konnte da nur schmunzeln - wenn auch ein bisschen gequält. 07.05.643997 12:18 |
Sprücheklopfer
Eines steht fest: Bis Weihnachten ist die Meisterschaft noch nicht entschieden.
Mario Basler