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Es gibt Fußballabende, an denen man sich fragt, ob sich die Heimmannschaft beim Warmmachen aus Versehen schon verausgabt hat. Der 7. Spieltag der 1. Liga Peru bot genau so einen - 30.678 Zuschauer im Estadio Cristal sahen, wie Academia Lima den Gastgeber AD Cristal mit 4:0 zerlegte. Und das, obwohl die Hausherren mit 51,8 Prozent Ballbesitz eigentlich aussahen, als wollten sie das Spiel dominieren. Dumm nur, dass man für Ballkontakte keine Punkte bekommt. Schon nach drei Minuten brannte es lichterloh im Strafraum der Cristaleros: Pieter Tilleman, der flämische Flügelflitzer mit der Eleganz eines Balletttänzers und der Schusstechnik eines Presslufthammers, verwertete eine Vorlage von Matteo Pedivigliano eiskalt zum 0:1. Trainer Olli Kahn, der an der Seitenlinie mit verschränkten Armen und diesem typischen "Ich-hab’s-doch-gesagt"-Blick stand, kommentierte später trocken: "Wir wollten früh Druck machen. Es war jetzt nicht geplant, dass es gleich so gut klappt - aber ich kann damit leben." Cristal? Wachgerüttelt, aber offenbar ohne Wecker. Denn nur sieben Minuten später zappelte der Ball schon wieder im Netz. Diesmal war es der Finne Seppo Uusimäki, der den Ball nach einer butterweichen Flanke von Innenverteidiger (!) Jeno Egressy in die Maschen köpfte. "Ich dachte, Jeno läuft da nur zum Spaß mit nach vorn", grinste Uusimäki später. "Aber dann kam der Ball perfekt. Da muss man einfach Danke sagen." Was AD Cristal dagegen unternahm? Nun, sie hielten den Ball. Und hielten ihn. Und hielten ihn noch ein bisschen länger. Nur: Mit 51 Prozent Ballbesitz und drei Torschüssen war das so, als würde man das Lenkrad drehen, ohne einen Motor zu haben. In der 39. Minute erhöhte wieder Tilleman - diesmal nach Zuspiel von Rechtsaußen Jukka Hietanen - auf 0:3. Der Jubelblock der Gäste war längst dabei, die Bierbecher rhythmisch zu schwenken. "Wir waren in der ersten Halbzeit einfach zu brav", murmelte Cristals Kapitän Necati Özkan nach dem Spiel. "Die haben uns überrollt, und wir standen daneben wie Verkehrspylonen." Nach der Pause änderte sich - wenig. Gerade 120 Sekunden nach Wiederanpfiff legte Lima wieder los. Wieder Uusimäki, diesmal nach stillem Mittelfeldzauberer Ivan Anicic, der mit einem Pass durch die Abwehrschnittstelle eine Doktorarbeit über Präzision schreiben könnte. 0:4. Das war der Moment, in dem einige Cristal-Fans begannen, das Stadioncatering zu erkunden. Taktisch blieb Academia Lima seiner Linie treu: offensiv, passsicher, ohne viel Pressing, aber mit chirurgischer Genauigkeit in jedem Abschluss. 23 Torschüsse sprechen eine deutliche Sprache. AD Cristal dagegen blieb in seiner "balancierten" Formation gefangen - ein Balanceakt ohne Netz und doppelten Boden. Selbst als Kahn ab der 60. Minute seine Youngster brachte - der 17-jährige Marco Verratti für den ausgepumpten Galindo -, blieb das Spiel einseitig. Verratti wirbelte, als wolle er beweisen, dass Jugend keine Ausrede für Zurückhaltung ist. Auf der Gegenseite versuchte Filipe Domingos es in der 74. und 79. Minute immerhin zweimal mit Distanzschüssen, aber Limas Torhüter Eric Brun hatte offenbar einen entspannten Abend und musste kaum eingreifen. Die einzige gelbe Karte des Spiels sah Limas Luís Makukula in der 71. Minute - vermutlich, um wenigstens einmal auf dem Spielberichtsbogen zu stehen. "Ich wollte nur zeigen, dass ich auch kämpfen kann", lachte der Flügelspieler nachher. Olli Kahn fasste die Partie mit jener Mischung aus Stolz und latentem Perfektionismus zusammen, die ihn schon als Torwart auszeichnete: "Vier Tore sind schön, aber wir hätten sechs machen können. Und das Gegentorverhältnis freut mich fast noch mehr." Auf der anderen Seite klang Cristals Trainer - der namentlich nicht überliefert, aber sichtlich ratlos war - weniger optimistisch: "Wir hatten den Ball, aber keinen Plan. Vielleicht sollten wir mal üben, was man damit anfangen kann." So blieb am Ende ein klarer 0:4-Kantersieg für die Gäste, der in dieser Deutlichkeit auch ein Statement war. Pieter Tilleman und Seppo Uusimäki teilten sich die Tore brüderlich: zwei pro Kopf, zwei pro Halbzeit. Und während die Spieler von AD Cristal nach dem Abpfiff mit hängenden Köpfen vom Platz trotteten, klatschte Olli Kahn seine Jungs ab - ein kurzer Moment echter Freude im hektischen Fußballzirkus. "Es ist nicht selbstverständlich, dass man so souverän auswärts auftritt", sagte Tilleman noch in der Mixed Zone, bevor er in den Mannschaftsbus stieg. "Aber ehrlich gesagt: Heute hat’s einfach Spaß gemacht." Und Spaß hatte an diesem Abend wirklich nur eine Mannschaft. AD Cristal wird sich fragen müssen, wie man mit mehr Ballbesitz so wenig anfangen kann. Academia Lima dagegen hat gezeigt, dass Effizienz keine Statistik ist, sondern eine Lebenseinstellung. Vielleicht sollte man den Ball demnächst einfach Lima überlassen - die wissen wenigstens, was man damit tut. 30.05.643997 16:12 |
Sprücheklopfer
Wir spielen hinten Mann gegen Mann, und ich spiel gegen den Mann.
Olaf Thon