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Es gibt Fußballabende, an denen man sich fragt, ob das Tor einfach beleidigt ist. 40.515 Zuschauer im Estadio Nacional von Lima sahen am 11. Spieltag der peruanischen Liga ein 0:0, das alles hatte - außer Toren. Academia Lima rannte, kombinierte, drosch und zauberte, doch Atletico Huancayo verteidigte mit jener stoischen Ruhe, die nur Mannschaften besitzen, die wissen: Wenn gar nichts mehr geht, hilft der Torwart - und manchmal auch der Pfosten. Schon nach zwei Minuten setzte Rui da Costa, Limas linker Verteidiger, ein Ausrufezeichen. Sein Distanzschuss zischte knapp am Winkel vorbei. Trainer Olli Kahn sprang an der Seitenlinie auf, riss die Arme hoch - und traf fast selbst den vierten Offiziellen. "Ich dachte, der Ball sei schon drin", schnaubte Kahn später, halb belustigt, halb genervt. "Aber Rui sollte vielleicht etwas näher ran - oder gleich den Ball mitnehmen." Es blieb der Auftakt zu einem Festival der vergebenen Chancen. Besonders der 17-jährige Mittelstürmer Miguel Beto stand im Mittelpunkt: quirlig, frech, unerschrocken - aber leider ohne Zielwasser. In der 17. Minute zog er volley ab, in der 41. scheiterte er frei vor Huancayos Schlussmann Vitor Travassos. Der grinste nach dem Spiel: "Ich hab nur gehofft, er schaut mich an - dann wusste ich, er schießt genau dahin." Limas Offensivreihe um Pieter Tilleman und Lucas Moura versuchte es aus allen Lagen. 16 Schüsse aufs Tor, 52,5 Prozent Ballbesitz, 57,5 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Zahlen, die normalerweise nach einem klaren Heimsieg klingen. Doch Huancayo stemmte sich mit Disziplin und drei Gelben Karten gegen die Statistik. Jean Charpentier grätschte in der 75. Minute derart rustikal in Moura, dass selbst die Nachbarn in Callao kurz zusammenzuckten. Der Schiedsrichter zückte Gelb, Charpentier grinste: "Ball gespielt, oder?" - "Ja", murmelte Moura, "aber welchen?" Huancayos Trainer - namentlich nicht überliefert, aber offenbar ein Mann der leisen Ironie - ließ seine Elf durchgehend offensiv aufgestellt, doch in Wahrheit war das System eher: "Elf Mann hinter dem Ball, und vorne beten." Nur zweimal kam der Gast gefährlich vor das Tor von Luis Enriquez, der einen ruhigen Abend verbrachte, aber in der 43. Minute bei einem Schuss von Manuel Velez kurz die Handschuhe abstaubte. Nach der Pause brachte Kahn frische Kräfte: Marco Verratti und Inigo Jorge kamen, später Asier Postiga für Rui da Costa. Die Wechsel belebten das Spiel - allerdings nur in Richtung Gelb-Rot. Postiga, gerade 17 und sichtlich bemüht, hinterließ in der 86. Minute seine erste Duftmarke (Gelb) und in der 90. seine zweite (Gelb-Rot). "Er wollte zeigen, dass er Leidenschaft hat", erklärte Kahn trocken. "Leider beim Gegner." In der Schlussphase warf Lima alles nach vorn. Tilleman prüfte Travassos gleich viermal zwischen der 58. und 84. Minute - immer ohne Erfolg. Einmal landete der Ball sogar im Außennetz, worauf die halbe Tribüne schon jubelte, nur um dann kollektiv in die Hände zu stöhnen. "Ich hab kurz überlegt, das Netz zu verschieben", witzelte Tilleman nach dem Spiel. "Aber das wäre wohl auch Gelb-Rot gewesen." Huancayo nahm das 0:0 mit der Gelassenheit eines Teams, das weiß, dass ein Punkt in Lima wie ein Sieg schmeckt. "Wir haben das Publikum zum Schweigen gebracht", meinte Mittelfeldveteran Sergio Barros, der in der 81. Minute noch einen Schuss abgab - Huancayos zweiten und letzten. "Das reicht uns. Schüsse sind überschätzt." Am Ende stand ein torloses Remis, das erstaunlich unterhaltsam war - zumindest für jene, die Freude an Dramatik ohne Happy End haben. Kahn indes sah das anders: "Ein 0:0 fühlt sich für mich immer an wie ein verlorenes Elfmeterschießen ohne Elfmeter." Und so verließen 40.000 Peruaner das Stadion zwischen kopfschüttelnd und klatschend. Die einen gratulierten Huancayo zur Mauer des Jahres, die anderen trösteten Lima mit dem Satz, der im Fußball wohl nie an Bedeutung verliert: "Beim nächsten Mal geht er rein." Vielleicht. Wenn das Tor bis dahin wieder gute Laune hat. 11.02.644003 22:54 |
Sprücheklopfer
Freundschaften zählen für mich sehr, aber nicht in diesem Geschäft. Ich habe Jürgen Gelsdorf vor die Tür gesetzt, der war sogar mein Trauzeuge.
Rainer Calmund