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Ein lauer Aprilabend in Lima, 41.120 Zuschauer im Estadio Nacional, und am Ende ein Spiel, das selbst die Sonne vor Verlegenheit hinter den Anden hätte verschwinden lassen können. Academia Lima feiert beim 21. Spieltag der 1. Liga Peru ein 6:0-Schützenfest gegen Domino Melgar - und das mit einer Leichtigkeit, die an Trainingsspiel erinnerte. Trainer Olli Kahn grinste nach Abpfiff verschmitzt: "Ich musste mich zurückhalten, nicht selbst noch ins Tor zu gehen - aber meine Jungs hatten das auch ohne Titan im Strafraum ganz gut im Griff." Von Beginn an war klar, wer hier das Sagen haben würde. Schon in der 7. Minute eröffnete Javier Santos das Torfestival nach einem präzisen Pass von Matteo Pedivigliano - eine Kombination, die so seidenweich lief, dass selbst ein Schweizer Uhrwerk neidisch geworden wäre. Santos selbst meinte später mit einem Lächeln: "Ich dachte, der Ball rollt zu schön, um ihn nicht reinzuschießen." Nur sieben Minuten später machte David Galindo das 2:0, diesmal nach Vorlage von Santos. Domino Melgar wirkte da schon wie ein Team, das seine Defensive daheim vergessen hatte - oder wie ein Kartenhaus im peruanischen Wind. In der 22. Minute erhöhte Christiano Meireles auf 3:0, wieder nach Zuspiel von Pedivigliano. Spätestens jetzt wackelten im Gästeblock die Pappschilder mit der Aufschrift "Vamos Melgar" verdächtig kraftlos. Das 4:0 von Luís Makukula in der 40. Minute war dann Kunst. Nach einem schnellen Seitenwechsel von Santiago Andrade drosch der linke Mittelfeldspieler den Ball aus knapp 20 Metern unter die Latte. "Ich hab’s einfach probiert, weil ich wusste, schlimmer kann’s für Melgar nicht werden", sagte Makukula später augenzwinkernd. Zur Halbzeit war das Spiel gelaufen - 4:0, 25:0 Torschüsse, 52 Prozent Ballbesitz. Melgar hatte bis dahin genau null Schüsse aufs Tor zustande gebracht, und das blieb auch bis zum Ende so. Es war, als hätten sie sich vorgenommen, das Tor von Eric Brun aus Prinzip zu meiden. Der Torwart von Academia Lima wirkte mitunter so unterbeschäftigt, dass er sich in der 70. Minute kurz die Handschuhe auszog, um sich die Schuhe zu binden. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte: mit Lima im Angriffsmodus. In der 63. Minute traf erneut Santos, diesmal nach Vorarbeit von Makukula. Kurz darauf sah Melgars Cesc Viqueira Gelb-Rot (66.) - ein symbolischer Moment, als würde der Schiedsrichter sagen: "Genug der Leiden." Das 6:0 besorgte schließlich Christiano Meireles in der 85. Minute, nach feinem Pass von Ivan Anicic. Der Ball zappelte im Netz, und Olli Kahn drehte sich zur Bank: "Jetzt können wir auch den Grill anwerfen." Die Fans stimmten Gesänge an, die man wohlwollend als "freudetrunken" bezeichnen konnte. Domino Melgar dagegen suchte Trost in der Statistik - 47,5 Prozent Ballbesitz klingen auf dem Papier gar nicht so übel, täuschen aber über die fehlende Durchschlagskraft hinweg. Kein einziger Schuss auf das gegnerische Tor, drei Gelbe Karten, eine Gelb-Rote - das sind Werte, die man sonst nur aus Albträumen von Abwehrtrainern kennt. "Wir wollten offensiv spielen", erklärte Melgar-Coach knapp, "aber Academia Lima wollte das wohl auch - nur eben richtig." In der Schlussphase gönnte Kahn den Helden des Abends noch Beifallspausen: Rui da Costa wurde durch Nuno Etxeita ersetzt, Meireles durfte unter tosendem Applaus für den 18-jährigen Paulo Benito raus. Der Youngster grinste nach seinem Debüt: "Ich dachte, ich komm rein, um zu verteidigen - dann hieß es, lauf einfach mit nach vorn." Als der Schlusspfiff ertönte, war die Stimmung fast ausgelassen. Die Zuschauer verabschiedeten ihre Mannschaft mit stehenden Ovationen, und selbst einige Melgar-Spieler klatschten anerkennend. 6:0 - ein Statement, ein Fingerzeig, ein Abend, an dem Academia Lima zeigte, dass Kurzpassspiel und Konsequenz kein Widerspruch sind. Oder, wie Olli Kahn es in seiner unnachahmlichen Art zusammenfasste: "Wir haben heute nicht nur gewonnen, wir haben dominiert. Und ein bisschen Spaß darf man im Fußball ja auch haben - wenn man auf der richtigen Seite steht." Schlusswort? Vielleicht dieses: Domino Melgar wird diesen Abend so schnell nicht vergessen. Und Academia Lima? Die werden sich fragen, ob sie nicht versehentlich schon Meister geworden sind. 18.09.643996 02:50 |
Sprücheklopfer
Auch wenn es eigentlich unmöglich ist, ist es noch möglich.
Stefan Effenberg