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59.000 Zuschauer im Estadio Nacional bekamen am Mittwochabend ein südamerikanisches Fußballdrama serviert, das irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn pendelte. Academia Lima und River Plate trennten sich in einem furiosen Gruppenspiel der Copa Libertadores 2:2 - und das bereits nach einer Halbzeit, die an eine Achterbahnfahrt erinnerte. Danach wurde viel geschwitzt, viel gepresst und noch mehr gezweifelt. Schon nach wenigen Minuten deutete sich an, dass beide Mannschaften den Begriff "defensiv" nur aus dem Wörterbuch kannten. River Plate, von Trainer Eduard Hahn gewohnt offensiv eingestellt (und das laut eigener Aussage "auch beim Frühstücksbuffet"), begann mit wuchtigen Angriffen. Juhani Hjelm prüfte den peruanischen Keeper Eric Brun gleich in der ersten Minute, Krzysztof Okonski legte nach - und der Ballbesitz pendelte sich bei fast perfekter Gleichverteilung ein: 49,6 zu 50,3 Prozent. Doch dann schlug Academia zu. In der 18. Minute zirkelte Rechtsaußen Jukka Hietanen eine Flanke auf den Kopf von David Galindo, der sich gegen drei Argentinier durchsetzte und wuchtig einnickte - 1:0. "Ich dachte, der Ball sei zu hoch", grinste Galindo später, "aber dann fiel er genau richtig, wie ein Mango vom Baum." River Plate reagierte, wie River eben reagiert: mit Stolz und Tempo. Nur neun Minuten später glich Vitor Lopez nach Pass von Tyler Gage aus. Ein Schuss, so trocken, dass selbst die Wüste Atacama applaudiert hätte. Keine vier Minuten darauf drehte Yisrael Itzik den Spielstand - 2:1 für die Gäste. "Wir wollten zeigen, dass wir auch in Lima den Ton angeben können", sagte Itzik, bevor er mit einem Eimer Eis die Waden kühlte. Doch kurz vor der Pause kehrte das Chaos zurück - diesmal in Form von Luís Makukula. Der linke Mittelfeldmann von Academia Lima zog in der 45. Minute nach einem erneuten Zuspiel von Hietanen ab und traf sehenswert zum 2:2. Der Jubel war ohrenbetäubend, und Trainer Olli Kahn - ja, jener Olli Kahn - ballte an der Seitenlinie die Fäuste. "Wir haben Herz gezeigt", polterte er nach dem Spiel. "Und manchmal reicht Herz, um gegen River zu bestehen." Die zweite Halbzeit war dann weniger Oper, mehr Handwerk. Beide Teams ackerten, rutschten, kämpften - und schossen, was das Zeug hielt. Insgesamt verzeichnete River Plate 15 Torschüsse, Academia Lima immerhin 12. Doch die Präzision war mit dem Pausenpfiff offenbar in der Kabine geblieben. In der 65. Minute wechselte Kahn den jungen Javier Santos ein, um "noch mehr Dampf über links" zu machen, wie er erklärte. Santos traf prompt die Latte - das Stadion hielt den Atem an. "Ich hab’s klatschen gehört", flüsterte er nachher, "aber leider nicht im Netz." Auf der Gegenseite drosch Christo Boschinow gefühlt alles Richtung Tribüne, was rund war. "Ich wollte eigentlich flanken", entschuldigte er sich halb ernst, halb lachend. Die Schlussphase hatte dann noch alles: eine Gelbe Karte für Limas Teenager-Arnfinn Berg ("Ich hab ihn doch gar nicht getroffen!"), eine Verletzung von Rivers Nuno Gama in der Nachspielzeit und Olli Kahn, der sich an der Seitenlinie mit einem Linienrichter über die Nachspielzeit stritt ("Vier Minuten? Das ist ja fast Bundesliga!"). Statistisch gesehen war das Unentschieden gerecht: River hatte die leicht besseren Zweikampfwerte (51,3 zu 48,7 Prozent) und mehr Abschlüsse, Academia dafür die lauteren Fans und weniger Nerven. Beide Trainer waren sich nachher einig, dass "mehr drin gewesen wäre" - ein Satz, der in der Fußballsprache bekanntlich alles und nichts bedeutet. Eduard Hahn fasste es mit einem schmalen Lächeln zusammen: "Wir waren gut, aber nicht clever genug. Und wenn du gegen einen Kahn spielst, brauchst du eben manchmal ein Schlauchboot." So blieb es beim 2:2, das keiner Mannschaft wirklich hilft, aber beiden irgendwie gerecht wird. Galindo und Makukula dürfen sich als Helden des Abends feiern lassen, während Itzik und Lopez beweisen, dass River Plate in jeder Phase brandgefährlich bleibt. Olli Kahn verabschiedete sich schließlich mit einem Satz, der nachklingen dürfte: "Wenn man so spielt wie wir heute, dann ist ein Punkt zu wenig - aber alles andere wäre unverschämt." Ein Spiel, das keine Sieger hatte, aber viele Geschichten schrieb - und vielleicht genau deshalb so schön war. 22.07.643996 01:18 |
Sprücheklopfer
Irgendwann mal wieder gewinnen, und das versuchen wir zu probieren.
Oliver Kahn auf die Frage, was man denn gegen die Krise tun könne