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Es war ein Abend wie gemacht für Fußballromantiker - und für Leute mit starken Nerven. 79.500 Zuschauer im Estadio Olímpico von Maracay sahen ein Copa-Libertadores-Hinspiel, das alles hatte: frühe Tore, taktische Wendungen, ein bisschen Gelb und am Ende ein Flamengo, das die Ruhe eines Großmeisters bewahrte. Aragua FC, tapfer bis zum Schluss, musste sich nach einem wilden 2:3 (2:2) geschlagen geben - aber erhobenen Hauptes. Kaum hatte der Schiedsrichter die Pfeife angesetzt, stand es schon 1:0. In der zweiten Minute nutzte Egil Ali die erste Unsicherheit der brasilianischen Hintermannschaft gnadenlos aus. Christophe Belanger hatte den Pass gespielt, der so fein war, dass man ihn eher in einem Parfumflakon erwartet hätte. "Ich hab einfach reingehauen - das Stadion hat den Rest erledigt", grinste Ali später. Doch wer glaubte, Flamengo würde sich beeindrucken lassen, kennt den Traditionsklub schlecht. Nach einem kurzen Schütteln rollte die rote Angriffswelle wieder und wieder auf Araguas Strafraum zu. Linksverteidiger Atabey Kaldirim, sonst eher fürs Verteidigen zuständig, zirkelte in der 32. Minute eine Flanke genau auf Julio Hierro, der zum 1:1 einköpfte. Ein Schulbuchtor. Vier Minuten später antwortete Aragua mit karibischem Temperament: Damian Santos, der rechte Flügelblitz, zog nach tollem Zuspiel von Harvey Townsend in die Mitte und wuchtete den Ball ins Netz - 2:1, die Arena tobte. "Ich dachte, das Dach fliegt weg", meinte Trainerin Claire Werk später mit einem Lächeln, "und ehrlich gesagt: Ich hätte nichts dagegen gehabt." Aber Flamengo wäre nicht Flamengo, wenn sie nicht noch vor der Pause zurückschlagen würden. Wieder nur vier Minuten später: Rechtsverteidiger Cesar Poncela schlich sich nach vorn, bekam den Ball von Fernando Coelho - und traf trocken zum 2:2. "Wir haben das Spiel nie verloren, nur kurz pausiert", sagte Gästecoach Dino Ma süffisant. Die zweite Halbzeit begann, wie die erste aufgehört hatte - mit einem Tor. Diesmal war es Nebojsa Rakic, ein 21-jähriger Innenverteidiger, der nach einer Ecke von Hierro in der 48. Minute zum entscheidenden 3:2 traf. Rakic, kurz zuvor noch mit Gelb verwarnt, feierte mit der Leidenschaft eines Mannes, der gleichzeitig an seine Mutter und an die Videobeweis-Kamera denkt. Danach wurde es ein Spiel der verpassten Chancen. Aragua hatte mehr Ballbesitz (54 Prozent) und mehr Torschüsse (14 zu 13), aber die Brasilianer hatten diese unverschämte Effizienz, die man in Südamerika offenbar mit der Muttermilch aufsaugt. Egil Ali und Damien Santos nagelten noch zwei Mal an die Latte, während Flamengos Torhüter Jordi Valdo sich in einen elastischen Oktopus verwandelte. "Ich hab einfach gehofft, dass der Ball mich trifft", witzelte Valdo später, "und das hat erstaunlich oft funktioniert." In der Schlussphase wurde das Spiel ruppiger. Drei Gelbe für Aragua (Townsend, Carvalho) und zwei für Flamengo (Ukkonen, Rakic) erzählten von einem Kampf, der mit jeder Minute härter wurde. In der 80. Minute tauschte Claire Werk ihren Torhüter Johann Cartier gegen Silvestre Herrero - offiziell aus taktischen Gründen, inoffiziell wohl, um dem Keeper eine Pause nach zwei Stunden Hochspannung zu gönnen. Flamengo-Coach Dino Ma wechselte klug: Erst kam der 19-jährige Jitzchak Tal für den blassen Aki Ukkonen, später der robuste Klaus Reiter, um das Mittelfeld zu verriegeln. "Manchmal reicht ein bisschen deutsche Ordnung", grinste Ma mit Blick auf Reiter. Als der Schlusspfiff ertönte, lagen die Spieler keuchend auf dem Rasen, und die Zuschauer applaudierten beiden Teams. 2:3 - ein Ergebnis, das Aragua Hoffnung lässt und Flamengo ein Polster verschafft. Die Venezolaner haben sich teuer verkauft, und Trainerin Werk versprach: "In Rio werden wir tanzen, aber diesmal mit dem Ball." Statistisch hätte das Spiel auch 3:3 oder 4:4 enden können - 27 Torschüsse, 5 Tore, 79500 heisere Kehlen. Ein Fest, das zeigte, warum die Copa Libertadores das emotionalste Turnier der Welt bleibt: Hier wird nicht nur Fußball gespielt, hier wird gelitten, geliebt und gelegentlich philosophiert. Und als die Nacht über Maracay fiel, sagte ein älterer Fan auf der Tribüne, während er sein Radio ausschaltete: "Wir haben verloren, ja. Aber schöner kann man verlieren kaum." Man möchte ihm nicht widersprechen. 04.01.644000 12:52 |
Sprücheklopfer
Das Unmögliche möglich zu machen wird ein Ding der Unmöglichkeit.
Andreas Brehme