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Ein lauer Juniabend, 20:15 Uhr, das Lago-Maggiore-Licht flirrt über dem kleinen Stadion von Ascona. 5533 Zuschauer drängen sich auf den Rängen, viele mit Gelato in der Hand, manche mit leicht ironischem Lächeln: "Vierte Liga, aber Dolce Vita", wie ein älterer Herr in der dritten Reihe sagte. Und dann ging’s los - FC Ascona gegen FC Küssnacht, 12. Spieltag der 4. Liga Schweiz (2. Division). Was sich in den nächsten 90 Minuten abspielte, war kein Fußball-Feuerwerk, aber ein wohltuend ehrliches Stück Arbeit. Am Ende stand es 1:0 für die Gastgeber - ein Ergebnis so knapp wie verdient. Die erste Halbzeit war sinnbildlich für das, was Trainer Rainer Zufall später als "kontrollierte Offensive mit leichtem Hang zur Selbstsabotage" bezeichnete. Ascona hatte zwar weniger Ballbesitz (45,5 Prozent), aber die klareren Chancen. Pascal Schäfer, der 34-jährige Mittelstürmer, prüfte den Küssnachter Keeper Jean-Pierre Barbier gleich dreimal (12., 17., 32. Minute). Doch Barbier hielt, als ginge es um seine eigene Weinkellerei. "Ich hab einfach die Hände da gelassen, wo sie hingehören", grinste der Torwart nach Abpfiff - ein Mann von stoischer Einfachheit. Küssnacht versuchte sich derweil in gepflegtem Ballbesitzspiel, kam aber selten in den Strafraum. Heinz Fuhrmann (39.) und Paul Ouellet (41.) sorgten für die einzigen Momente, in denen Asconas Torwart Marco Ackermann wirklich eingreifen musste. "Ich hatte mehr Zeit, mir die Wolken anzuschauen, als Bälle zu fangen", witzelte Ackermann später. Nach dem Seitenwechsel erhöhte Ascona das Tempo. Zufall stellte auf "Pressing - YES" um, wie es der moderne Taktikbogen ausdrücken würde. Und plötzlich war Dampf drin. Uwe Wurst drosch in der 56. Minute knapp vorbei, dann kam die 62. Minute - der Moment des Abends. Der 18-jährige Mike Kluge, bisher eher als quirliger, aber glückloser Flügelflitzer bekannt, startete über links. Marcel Wolff, der routinierte Rechtsverteidiger, verlagerte den Ball mit einem präzisen Diagonalpass quer über das Feld. Kluge nahm ihn mit der Brust, ließ seinen Gegenspieler stehen und schob eiskalt ins rechte Eck. 1:0. Das Stadion tobte, die Gelati tropften. "Ich hab gar nicht groß nachgedacht", sagte Kluge hinterher, die Haare noch nass vom Wasserschwall seiner Mitspieler. "Marcel hat den Ball perfekt gespielt. Ich dachte: Jetzt oder nie." Trainer Zufall lachte daneben: "Ich dachte eigentlich: Jetzt oder Latte. Aber Mike hat mich widerlegt." Küssnacht wirkte getroffen, aber nicht zerstört. Sie spielten weiter ruhig, zu ruhig. Kein Pressing, kein Risiko - so steht’s auch im Taktikprotokoll: "Pressing: NO". In der 75. Minute gab’s dann wenigstens Gelb - Olivier Völker foulte Kluge auf dem Flügel. "Ich wollte nur den Ball treffen", beteuerte er, "aber der Ball war schneller." Ascona wechselte klug (nicht nur namentlich): Wurst ging, der junge Loris Degano kam (60.). Später brachte Zufall den erfahrenen Walter Frei für den müden Amato und Josef Kimmich für Henning - eine Umstellung, die das Spiel stabilisierte. Kimmich, sonst eher als Abwehrkante bekannt, rief den Mitspielern nach dem Einwechseln zu: "Hinten Beton, vorne Mike!" - und irgendwie funktionierte das. Die Schlussviertelstunde war ein Tanz zwischen Zittern und Zeitschinden. Kluge hatte noch dreimal die Chance, das Ergebnis klarer zu gestalten (73., 79., 83.), doch Barbier blieb der Fels im Küssnachter Tor. In der 88. Minute durfte Fynn Schumacher noch einmal für die Gäste abziehen - sein Schuss flog Richtung Lago, wahrscheinlich noch heute auf dem Weg nach Locarno. Als Schiedsrichter Rutz abpfiff, fiel eine Mischung aus Erleichterung und Stolz über den Platz. Trainer Zufall schüttelte jedem seiner Spieler die Hand, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. "Ein Sieg ist ein Sieg", sagte er süffisant. "Und in der Tabelle gibt’s keine Schönheitspunkte." Küssnachts Coach wollte sich nicht äußern - "Ich muss das erstmal verdauen", murmelte er und verschwand Richtung Bus. Vielleicht überlegt er noch, ob "kein Pressing" die richtige Antwort auf ein laufstarkes Ascona war. Fazit? Kein Spektakel, aber ehrlicher Fußball. Ein junges Talent, das sich ins Rampenlicht schießt. Und ein Publikum, das mit einem Lächeln nach Hause ging. Oder wie ein Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Manchmal reicht ein Kluge, wenn der Zufall hilft." 07.03.644003 09:57 |
Sprücheklopfer
Der Jürgen ist ein Weltmann. Er war ja immer ein Gegenpool zu mir.
Lothar Matthäus über Jürgen Klinsmann