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Ein lauer Frühsommerabend in Genf, 3000 Zuschauer, und doch lag schon nach wenigen Minuten der Geruch von kaltem Kaffee und vertanen Chancen über dem Stadion. Plutonia Genf, bemüht, diszipliniert, aber im letzten Drittel so harmlos wie ein Brotmesser, empfing den FC Ascona zum zweiten Spieltag der 4. Liga Schweiz (2. Division). Das Resultat: ein ernüchternd klares 0:3, das auch mit viel Fantasie nicht als "unglücklich" durchgeht. Schon nach neun Minuten war klar, wohin die Reise geht. Ascona-Stürmer Uwe Wurst - nomen est omen - verwurstete die Genfer Abwehr nach einem präzisen Zuspiel von Lorenzo Casole Bruzio und schob zum 0:1 ein. "Ich hab’ einfach draufgehalten, der Ball wollte rein - vielleicht, weil er Mitleid hatte", grinste Wurst nach Spielschluss. Während die Gäste jubelten, blickten die Genfer Verteidiger einander an, als hätten sie sich gerade erst beim Aufwärmen kennengelernt. Plutonia versuchte, Ordnung herzustellen, spielte aber, als sei der Ball ein rohes Ei. Trainerstatements nach dem Spiel klangen entsprechend resigniert. "Wir wollten kompakt stehen und mutig umschalten", sagte der sichtlich genervte Heimtrainer, der lieber anonym bleiben wollte, "aber dann haben wir uns offenbar in der Kabine gegenseitig den Mut umgeschaltet." Ascona hatte derweil alles im Griff. Mit 18 Torschüssen zu einem (!) der Gastgeber war das Chancenverhältnis so eindeutig wie das Resultat. Nur der Ballbesitz sprach mit 50 zu 49 Prozent leicht für die Statistikfreunde in Genf - allerdings ohne jegliche Wirkung. Der Gast aus dem Tessin kombinierte ruhig, diszipliniert und, man muss es sagen, mit Stil. "Rainer Zufall" - ja, so heißt er wirklich - hatte seine Mannschaft perfekt eingestellt: offensiv, sicher im Passspiel, und ohne jede Spur von Zufall. "Wir wollten genau das: früh attackieren, aber ohne Hektik. Die Jungs haben’s fast schon zu seriös gemacht", lächelte der Ascona-Coach, der sich über die vier Gelben Karten seiner Spieler (darunter Casole Bruzio, Kimmich, Bettencourt und der eingewechselte Bachmann) nur kurz ärgerte. Kurz vor der Pause musste Genf dann auch noch einen Rückschlag verkraften: Innenverteidiger Eric Hein verletzte sich bei einem unglücklich geführten Zweikampf. "Ich hab nur den Ball gesehen - leider war der Ball mein Knie", murmelte er beim Abtransport. Für ihn kam Dominique Winkler, der seine Sache ordentlich machte, aber auch nichts am Spielverlauf änderte. Nach dem Seitenwechsel passierte zunächst - Überraschung! - nichts Gutes für Plutonia. In der 55. Minute war es der routinierte Pascal Schäfer, der nach Vorlage des jungen Dirk Desjardins zum 0:2 erhöhte. Eiskalt, souverän, schnörkellos. "Mit 34 muss man nicht mehr dribbeln, man muss nur wissen, wo’s Tor steht", kommentierte Schäfer trocken. Genf reagierte mit dem Mut der Verzweiflung - der sich in einem einzigen Torschuss im gesamten Spiel manifestierte. Rechtsverteidiger Maurice Berthier versuchte es in der 62. Minute aus der Distanz, scheiterte aber spektakulär. Der Ball flog so weit über das Tor, dass ein Balljunge auf der Tribüne kurz applaudierte. Ascona hingegen spielte weiter wie im Training. Der 18-jährige Mike Kluge, ohnehin auffälligster Mann auf dem Platz, krönte seine Leistung in der 82. Minute mit dem dritten Treffer, nach einer butterweichen Vorlage von Innenverteidiger Tim Miller. "Ich hab einfach gespürt, dass er läuft", sagte Miller, und Kluge ergänzte lachend: "Ich bin halt gelaufen, weil ich dachte, sonst schreit er mich wieder an." Danach war die Messe gelesen. Genf ergab sich in sein Schicksal, Ascona ließ es ruhig austrudeln. Trainer Zufall nutzte die letzten Minuten für kosmetische Wechsel und gönnte seinen Stammkräften frühzeitig eine Pause. Das Fazit? Ein Klassenunterschied, der sich nicht nur im Ergebnis, sondern in jeder Statistik widerspiegelt. Während Plutonia mit 41 Prozent gewonnener Zweikämpfe kämpferisch immerhin nicht völlig abtauchte, blieb nach vorne alles Stückwerk. Ascona hingegen präsentierte sich als kompakte, zielstrebige Einheit - und darf sich nach diesem 3:0 als Geheimfavorit auf den Aufstieg fühlen. "Wir haben heute gesehen, was passiert, wenn man Fußball spielt - und was, wenn man’s versucht", resümierte ein Fan auf der Heimtribüne trocken. Treffender lässt sich dieser Abend kaum beschreiben. Und so verließen die Zuschauer das Genfer Stadion mit gemischten Gefühlen: Die einen bewunderten Ascona für seine Effizienz, die anderen fragten sich, ob Plutonia vielleicht lieber Curling ausprobieren sollte. Immerhin: Der Rasen war schön grün. Und das war an diesem Abend fast das Beste für die Gastgeber. 23.08.644000 08:05 |
Sprücheklopfer
Jancker - hier nimmt er den Ball mit dem Rücken an.
Günter Netzer