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Bad Kleinen rettet sich in letzter Minute - 2:2 gegen Hannover

46350 Zuschauer sahen an diesem lauen Märzabend ein Spiel, das in den ersten 30 Minuten nach einem klaren Hannoveraner Sieg roch - und in der Nachspielzeit plötzlich nach einem kleinen Fußballmärchen klang. 2:2 hieß es am Ende zwischen Bad Kleinen und Hannover, und wer zu früh aus dem Stadion ging, dürfte sich heute noch ärgern.

Hannover begann, als hätten sie die Heimkabine mit einem Espressoautomaten verwechselt. Schon in der 2. Minute prüfte Felipe Delgado den wackeren Keeper Yannik Wilhelm. Danach rollte eine Angriffswelle nach der anderen auf das Tor von Bad Kleinen. In der 23. Minute platzte der Knoten: Damir Komljenovic schlenzte den Ball nach Vorlage von Innenverteidiger Dylan Carr unhaltbar ins rechte Eck - 0:1. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich", grinste Komljenovic später, "ich glaube, der Ball wollte einfach rein."

Kaum hatte das Publikum den Treffer verdaut, legte Hannover eiskalt nach. Drei Minuten später bediente Georges Carriere den erfahrenen Eric Lefebvre, der mit 33 Jahren noch immer die Ruhe eines Schachspielers besitzt - 0:2. Trainer Daniel Dietrich riss jubelnd die Arme hoch, als wolle er einen Marathon beenden. "Bis dahin war’s fast perfekter Fußball", meinte er später.

Doch Bad Kleinen wäre nicht Bad Kleinen, wenn sie sich kampflos ergeben würden. Nur zwei Minuten nach dem 0:2 brachte Max Adam die Hausherren zurück ins Spiel. Nach einer schönen Ablage von Fernando Jorge zog er aus 18 Metern ab - wuchtig, präzise, unhaltbar. Das Stadion explodierte, und plötzlich war wieder Leben in der Bude. "Ich hab gar nicht überlegt", sagte Adam, "sonst fliegt das Ding wahrscheinlich auf den Parkplatz."

Die erste Halbzeit endete mit einem munteren Schlagabtausch, bei dem sich beide Teams nichts schenkten. Hannover hatte zwar mehr Ballbesitz (55 Prozent) und bis zur Pause schon acht Torschüsse, doch Bad Kleinen hielt mit Einsatz dagegen - und mit Gelben Karten: Luca Schuster sah in der 39. Minute Gelb, nachdem er Gegenspieler Delgado mehr Zuneigung zeigte, als erlaubt ist.

Nach dem Seitenwechsel stellte Trainer Cw WC (ja, der Name sorgt jedes Mal für Schmunzeln) auf noch offensiver um. "Wir haben gesagt: Entweder wir gehen unter - oder wir reißen was!", verriet er später mit heiserer Stimme. Seine Männer folgten: Fernando Jorge wirbelte, Hans Jürgens prüfte den Gästekeeper Ernesto Manuel zweimal in kurzer Folge, und der junge Gustav Hübner spielte, als wolle er die gesamte Abwehr Hannovers allein in Rente schicken.

Hannover blieb indes gefährlich, vor allem über die Flügel. Georges Carriere und Lefebvre kombinierten, als hätten sie sich heimlich in der Tanzschule vorbereitet. Doch aus den Chancen wurde nichts Zählbares mehr. "Wir hätten das dritte Tor machen müssen", knurrte Dietrich nach dem Spiel, "stattdessen haben wir aufgehört zu laufen."

In der 79. Minute kassierte Marc Meister noch Gelb - sinnbildlich für den unbändigen Willen der Gastgeber. Und als die Nachspielzeit begann, schien alles entschieden. Hannover verwaltete, Bad Kleinen rannte, das Publikum pfiff. Dann kam die 95. Minute.

Ein letzter Angriff, ein weiter Ball von Jannik Wimmer, Hannover zu spät im Umschalten - und Gustav Hübner, der 21-Jährige, setzte zum Flug an. Mit einem beherzten Schuss ins lange Eck machte er das Unmögliche möglich: 2:2. Das Stadion bebte. Hübner riss die Arme in die Luft, fiel seinem Trainer in die Arme, und selbst der Stadionsprecher klang, als hätte er gerade im Lotto gewonnen.

"Ich hab gar nicht gesehen, wie der Ball reinging", keuchte Hübner später, "ich hab nur das Jubeln gehört." Trainer WC grinste: "Das war kein Zufall. Das war pure Sturheit."

Die Statistik bescheinigte Hannover zwar mehr vom Spiel - 15 Torschüsse, etwas mehr Ballbesitz, leicht bessere Zweikampfquote -, doch Bad Kleinen hatte das, was man in Tabellen nicht messen kann: Herz, Mut und einen unerschütterlichen Glauben daran, dass ein Spiel erst mit dem Schlusspfiff vorbei ist.

"Wir haben zwei Punkte liegengelassen", fluchte Hannovers Lefebvre beim Abgang. "Oder einen gewonnen", rief ein Fan von der Tribüne zurück.

So oder so: Dieses 2:2 fühlte sich für Bad Kleinen an wie ein Sieg - und für Hannover wie ein böser Wecker nach einem zu kurzen Traum.

Und wenn man die Gesichter der Fans nach Abpfiff sah, wusste man: Fußball kann grausam sein - aber manchmal eben auch einfach wunderbar absurd.

22.04.643994 12:35
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Rainer Calmund
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