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Bad Urach verspielt Führung - Fuhlenbrock dreht spät auf

Ein lauer Frühlingsabend, 34.266 Zuschauer im Stadion - und ein Spiel, das von allem ein bisschen hatte: Leidenschaft, Leichtsinn und ein spätes Happy End für die Gäste. Der SV Fuhlenbrock drehte beim FV Bad Urach ein 0:1 zur Pause noch in ein 2:1 - und ließ die heimischen Fans mit hängenden Köpfen zurück.

Dabei hatte zunächst alles nach einem gemütlichen Heimdreier für die Uracher ausgesehen. Trainer Giuseppe Spera hatte seine Elf gewohnt diszipliniert eingestellt, das Passspiel kurz, die Laufwege präzise. Nach einer halben Stunde wurde die Geduld belohnt: Taylan Özalan flankte butterweich von links, und Frank Keller stieg auf wie ein junger Kranich. Kopfball, Innenpfosten, Tor. 1:0 in der 27. Minute - das Stadion bebte.

"Ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste Özalan nach dem Spiel, "aber Frank hat einfach weitergemacht. Typisch." Spera nickte dazu nur trocken: "So spielen wir das im Training seit Monaten. Einmal klappt’s, und schon tun alle überrascht."

Fuhlenbrock wirkte in dieser Phase etwas orientierungslos. Zwar hatte das Team von Mike Lowrey mehr Zug zum Tor, doch die Abschlüsse - gleich zwölf an der Zahl - flogen eher in Richtung Parkhaus als auf den Kasten von Jegor Schepelew. Besonders Carlos Caneira mühte sich redlich, aber der Ball wollte einfach nicht rein.

Nach der Pause änderte sich das Bild. Lowrey ließ offensiver spielen, stellte auf gnadenloses Flügelspiel um und forderte lautstark von der Seitenlinie: "Mehr Mut, Männer! Der Ball beißt nicht!" Die Worte fruchteten. In der 69. Minute war es dann soweit: Santiago Fernandez zog von rechts in die Mitte, bekam den Ball von Ramon Andrade perfekt in den Lauf und schloss trocken ab - 1:1.

"Ich hab einfach draufgehalten", flachste Fernandez später. "Wenn du zwölfmal danebenhaust, muss ja irgendwann einer reingehen." Bad Urach wankte, aber fiel noch nicht. Spera brachte den jungen Ben Feldmann für Frank Keller, um frischen Wind zu bringen, später auch Nevio Sauer, der wenigstens für eine Szene das Publikum aufhorchen ließ, als er in der 82. Minute mit einem frechen Lupfer fast traf.

Doch Fuhlenbrock wollte mehr. In der Schlussphase drückten die Gäste, was die Statistik später bestätigte: 52,8 Prozent gewonnene Zweikämpfe und das klarere Spiel in der gegnerischen Hälfte. In der 87. Minute fiel die Entscheidung - und wie! Eine Ecke von Heinrich Hildebrandt, Nuno Fernandes schleicht sich am zweiten Pfosten davon, und ehe Schepelew "Kopfball!" rufen kann, zappelt der Ball im Netz. 1:2, Jubel im Gästeblock, Entsetzen auf den Rängen.

"So ein Tor hab ich schon in der Jugend gemacht", lachte Fernandes nach Abpfiff. Trainer Lowrey ergänzte mit einem Augenzwinkern: "Das war genau so geplant. Wir üben diese Szene jede dritte Woche - also fast nie."

Bad Urach warf in den letzten Minuten alles nach vorn, sogar Torwart Schepelew stand bei einer Ecke mit im Strafraum. Als der Schlusspfiff ertönte, lag er keuchend im Mittelkreis, während die Fuhlenbrocker Spieler ausgelassen tanzten.

Taktisch zeigte sich das Spiel als Paradebeispiel für gegensätzliche Philosophien: Urach mit ruhigem Kurzpassspiel (57 Prozent Ballbesitz), kontrolliert, aber ohne Durchschlagskraft. Fuhlenbrock dagegen wild, mutig und im letzten Drittel mit dem entscheidenden Punch.

"Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen", knurrte Spera in der Pressekonferenz. "Man kann Ballbesitz nicht essen." Lowrey konterte charmant: "Manchmal reicht ein bisschen Chaos - und zwei Tore zur richtigen Zeit."

So bleibt unterm Strich eine bittere Heimniederlage für Bad Urach, die trotz optischer Überlegenheit leer ausgehen. Fuhlenbrock dagegen feiert einen Auswärtssieg, der mehr Moral als Glanz zeigt. Vielleicht das schönste Kompliment kam von einem älteren Fan auf der Tribüne, der nach dem Schlusspfiff seufzte: "Das war kein schönes Spiel - aber ein herrlich ehrliches."

Und genau das war es: ein Abend, an dem Fußball wieder einmal bewies, dass er keine Gerechtigkeit kennt - aber jede Menge Geschichten schreibt.

07.03.643994 06:38
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Rainer Calmund
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