// Startseite
| L’Equipe |
| +++ Sportzeitung für Frankreich +++ |
|
|
|
Es war eines dieser Pariser Abende, an denen der Himmel in einem dramatischen Grau hängt, als wüsste er, dass gleich wieder ein Kapitel Stadtgeschichte geschrieben wird. 46.641 Zuschauer drängten sich im altehrwürdigen "Stade de la Seine", um das ewige Duell zwischen Paris St. Michel und Paris FC zu erleben. Und sie bekamen, was sie wollten - zumindest, wenn sie es mit den Blau-Roten hielten: einen 1:0-Sieg, der weniger elegant als vielmehr effizient war. Das Tor des Abends erzielte in der 36. Minute Louis Barre - jener flinken Flügelflitzer, der aussieht, als hätte er seit Wochen kein Croissant angerührt. Sein Schuss aus spitzem Winkel schlug unhaltbar für Paris-FC-Keeper Halvor Andreasen ein, der nur hinterherblicken konnte. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Barre später mit einem Grinsen, "aber manchmal hört der Ball einfach auf mich." Trainer Franz Huber nickte trocken: "Wenn alle unsere Flanken so aufs Tor gingen, wäre ich schon in Rente." Dabei begann das Spiel, wie es in der französischen Hauptstadt üblich ist: mit viel Stil, aber wenig Substanz. Schon in der ersten Minute prüfte Barre den Torwart mit einem Schlenzer - ein frühes Lebenszeichen. Gerard Lessard, der rechte Flügelwirbel von St. Michel, tat es ihm in der fünften Minute nach. Doch der Ballbesitz sprach zunächst für die Gäste, die mit 53 Prozent das Spiel kontrollierten, ohne es je zu beherrschen. Paris FC, unter der Leitung von Reinhold Richard, versuchte es mit gepflegtem Kurzpassspiel, doch spätestens an der Mittellinie zerbröselten die Ideen. "Wir hatten den Ball, aber nicht den Mut", analysierte Richard nach dem Spiel, während er mit seinem Schal kämpfte, den der Wind partout nicht in Ruhe lassen wollte. Einziger wirklicher Aufreger in der ersten halben Stunde: Innenverteidiger Nicolas Bonnaire sah in der 20. Minute Gelb, nachdem er Enis Undav unsanft daran erinnerte, dass Fußball ein Kontaktsport ist. Der Gefoulte schüttelte sich, grinste und rief dem Schiedsrichter zu: "War doch nur Liebe." Dann kam die 36. Minute - und mit ihr der Moment, der das Spiel entschied. Mateo Perez hatte sich auf der linken Seite durchgetankt, ein kurzer Doppelpass mit Dylan Chisholm, der Ball prallte etwas glücklich zu Barre - und der zimmerte das Leder ins lange Eck. Das Stadion explodierte. Auf der Tribüne hielt ein älterer Herr seine Baguette-Tüte in die Luft, als sei sie ein Pokal. Nach der Pause wechselte Huber gleich dreifach: Undav, Tremblay und Perez gingen, Baillon, Telesca und der junge Xavier Simons kamen. Offensichtlich wollte St. Michel das 1:0 verwalten - und das taten sie mit einer Mischung aus Nervosität und heroischem Einsatz. Paris FC kam nun etwas besser ins Spiel, hatte durch Rutger Mattson (52.) und später durch den eingewechselten Jay Heighway (96.) zwei gute Chancen, doch Torhüter Kian MacKenzie hielt, was zu halten war. "Ich hab mir vor dem Spiel gesagt: Heute kein Gegentor - und meine Frau hat sogar drauf gewettet", witzelte der Keeper später in der Mixed Zone. "Jetzt schuldet sie mir ein Abendessen." Huber blieb an der Seitenlinie erstaunlich ruhig, während Richard unermüdlich gestikulierte, als wolle er mit purer Willenskraft den Ball ins Tor schreien. Doch es half nichts. Auch die Einwechslung von Vincent Gariepy in der 60. Minute brachte keine Wende. In der Schlussphase zog St. Michel dann doch noch einmal das Tempo an. Maurice Jean-Pierre, der rechte Mittelfeldmann mit dem Namen eines Chanson-Stars, prüfte Andreasen gleich mehrfach (69., 73., 76., 86.). "Ich hab gedacht, irgendwann muss einer rein", sagte er nach dem Spiel - "aber anscheinend hatte der Ball heute einfach andere Pläne." Taktisch blieb St. Michel ihrem defensiv-ausgewogenen Stil treu, während Paris FC trotz "starker Aggressivität" (wie es die Analysten nennen würden) kaum zwingend agierte. 15:5 Torschüsse sprechen eine klare Sprache - und auch wenn nur einer saß, war es der entscheidende. Als der Schlusspfiff ertönte, fiel Huber seinem Co-Trainer um den Hals, während Richard nur den Kopf schüttelte. "Wir haben das Spiel gemacht, sie das Tor - das ist manchmal der Unterschied zwischen Poesie und Prosa", sagte er mit einem bitteren Lächeln. So bleibt Paris St. Michel auch nach dem achten Spieltag oben dran - und beweist, dass man in dieser Stadt nicht nur Mode, sondern auch Minimalismus beherrscht. Ein 1:0 kann eben manchmal schöner sein als jedes 4:3, wenn es gegen den Nachbarn geht. Oder, wie es Louis Barre zusammenfasste, während er sich in die Katakomben verabschiedete: "Ein Derby ist wie ein Espresso - kurz, stark, und man spürt es noch Stunden später." 08.01.644003 12:45 |
Sprücheklopfer
Wir sind an ein Limit gekommen, wo es im Moment nicht drüber geht.
Andreas Möller