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Belgrad tanzt, Eschborn stolpert: Selen gewinnt 4:2 zum Auftakt

Wenn man das Wort "Auftakt" wörtlich nimmt, dann war der von Selen Belgrad am Mittwochabend ein Paukenschlag. 38.465 Zuschauer sahen im Stadion an der Save ein 4:2 (3:0) gegen den 1. FC Eschborn, das genauso unterhaltsam war wie das Nachtleben der Stadt - allerdings nur aus Sicht der Gastgeber.

Schon nach drei Minuten war der Himmel über Belgrad rot-weiß erleuchtet: Robert Delmas, der 32-jährige Taktgeber im Mittelfeld, zog aus 18 Metern ab - und der Ball rauschte ins Netz, nachdem Milos Kujovic zuvor mit einem feinen Querpass vorbereitet hatte. "Ich hab’ einfach draufgehalten, weil Milos so schön geschaut hat", grinste Delmas später, während Trainer Bronco Capone mit verschränkten Armen daneben nickte: "So wollten wir anfangen - früh klarstellen, wem der Ball gehört."

Eschborn wirkte in diesen ersten Minuten wie ein Tourist, der die Stadtkarte vergessen hat. Zwar standen die Hessen nominell offensiv, aber was nützt das, wenn man dem Gegner 54 Prozent Ballbesitz und 18 Torschüsse gönnt? In der 18. Minute durfte Delmas gleich nochmal - diesmal nach Vorarbeit von Humberto Camara. 2:0, und der arme Logan Cochran im Eschborner Tor sah aus, als würde er lieber wieder an den Main zurückfliegen.

Als dann Erik Schade in der 37. Minute das 3:0 erzielte, schön eingeleitet von Aleksandar Popovic über rechts, war das Spiel zur Pause praktisch entschieden. "Ich dachte, wir spielen hier in der Quali, nicht im Trainingslager", stöhnte Gästecoach Yas Sin später in der Mixed Zone.

Bronco Capone hingegen konnte sich den Luxus leisten, in der zweiten Halbzeit zu experimentieren. Er brachte Xavi Manuel für den verwarnten Valter Taube (der in der 33. Minute Gelb sah, weil er offenbar den Ball mit der Axt erobern wollte) und später Manuel de Almeida im Sturm. Doch kaum hatte Capone gewechselt, rappelte sich Eschborn auf.

In der 53. Minute traf Fernando Antonio nach feinem Zuspiel des eingewechselten Sven Will - ein Hoffnungsschimmer, der kurzzeitig Leben in die Gäste brachte. "Da dachte ich, wir drehen das noch", meinte Antonio später mit einem Lächeln, das ungefähr so glaubwürdig war wie ein 0:3‑Comeback in Belgrad.

Neun Minuten später legte Tomasz Buchholz sogar das 3:2 nach, diesmal von Bernt Geier perfekt in Szene gesetzt. Plötzlich roch es nach Sensation - oder zumindest nach Nervosität auf der Belgrader Bank. Capone trommelte wild mit den Fingern auf die Coachingzone, während sein Gegenüber Yas Sin ungläubig grinste: "Ich hab’ kurz geglaubt, das wird unser Abend. Dann fiel mir ein, dass wir gegen Selen spielen."

Denn in der 65. Minute machte Milos Kujovic alles klar. Der flinke Rechtsaußen verwertete eine butterweiche Flanke von Jack Young zum 4:2 - und rannte mit ausgestreckten Armen vor die Kurve, als wolle er das halbe Stadion umarmen. "Das war Erlösung", sagte er hinterher. "Und ehrlich gesagt: Ich wollte einfach wieder feiern."

In den letzten zwanzig Minuten verwaltete Belgrad das Ergebnis souverän - wenn man von der zweiten Gelben Karte des Spiels absieht, die Cristobal Enrico in der 64. Minute kassierte, vermutlich aus Nostalgie an alte Zeiten, als Verteidiger noch "Zeichen setzten".

Die Statistik bestätigte das, was jeder im Stadion gesehen hatte: Belgrad dominierte mit 18 Torschüssen, Eschborn hielt mit neun dagegen. Der Ballbesitz war mit 54 zu 46 Prozent zwar halbwegs ausgeglichen, aber die Effizienz entschied den Abend.

Nach dem Abpfiff wirkte Bronco Capone zufrieden - aber nicht selig. "3:0 zur Pause, dann 3:2 - das war mir zu viel Drama. Ich bin Trainer, kein Drehbuchautor", sagte er mit einem halben Lächeln. Yas Sin konterte trocken: "Wenn wir schon verlieren, dann wenigstens mit Stil und zwei schönen Toren. Und ohne Verletzte - das ist ja auch mal was."

Während die Fans von Selen Belgrad noch lange nach Abpfiff sangen und tanzten, schlichen die Eschborner in die Kabine, als wäre jemand auf ihren Busparkplatz gefahren.

Bleibt die Erkenntnis: In der "Conference League Quali" hat Selen Belgrad ein erstes Ausrufezeichen gesetzt - und Eschborn eine schmerzhafte Lektion gelernt. Oder, wie es Robert Delmas mit einem Augenzwinkern formulierte: "Manchmal ist Fußball einfach. Manchmal ist er Selen‑einfach."

Und so endete ein Abend in Belgrad, der alles hatte: frühe Tore, kurze Spannung, späte Gelassenheit - und einen Trainer, der seine Mannschaft am Ende lobte, aber wohl schon an das nächste Spiel denkt. Denn wer so anfängt, will mehr.

02.04.643997 02:28
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Toni Polster
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