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Ein warmer Abend auf den Kanaren, 42.612 Zuschauer im Estadio de Arrecife, Palmen rauschen, das Meer glitzert - und nach drei Minuten dachte man, Lanzarote CF würde die Blancos aus Madrid höchstpersönlich in den Atlantik schießen. James Young, der flinke Rechtsaußen mit dem Selbstvertrauen einer ganzen Insel, traf früh zum 1:0. Ein wuchtiger Abschluss nach einem Abpraller, und das Stadion bebte. Trainer Meister Leverkusen jubelte an der Seitenlinie, als hätte er gerade die Champions League gewonnen. Doch wer die Blancos kennt, weiß: Sie spielen nicht wie Touristen. Nach dem Schock sortierten sich die Madrilenen, zogen ihr gewohnt druckvolles Offensivspiel auf - und das mit einer Hartnäckigkeit, die an das tägliche Wellenrauschen erinnerte. In der 18. Minute war es Nuri Tekke, der nach einer feinen Vorarbeit von Jacinto Sainz den Ball trocken ins rechte Eck setzte. "Ich hab einfach draufgehalten, weil Jacinto so schön geschaut hat", grinste Tekke später in die Kameras. Danach entwickelte sich ein offener Schlagabtausch, allerdings mit einer deutlichen Schieflage bei den Torchancen: 19 Schüsse der Gäste, nur 5 von Lanzarote. Die Statistik spricht Bände. Und doch: Lanzarote hielt gut dagegen, hatte 50 Prozent Ballbesitz - fast Gleichstand also. Nur im Zweikampfverhalten waren die Madrilenen härter, 54 zu 45 Prozent Tacklingquote. Kurz vor der Pause sah Manuel Tiago Gelb, nachdem er Tekke eine unmissverständliche Erinnerung an die Körperlichkeit im Insel-Fußball mitgab. "Ich wollte nur, dass er meine Insel nicht vergisst", sagte Tiago halb lachend, halb entschuldigend. Nach der Pause kam Madrid mit noch mehr Biss aus der Kabine. Trainer Reto Klopfenstein hatte offenbar die richtigen Worte gefunden - vielleicht etwas in der Richtung von "Ihr spielt gefälligst wie Blancos, nicht wie Strandurlauber!". In der 49. Minute war wieder Tekke zur Stelle, diesmal nach einer butterweichen Flanke von Linksverteidiger Zoran Panadic. 2:1 für die Gäste, und der Gästeblock jubelte in die tropische Nacht. Doch Lanzarote wäre nicht Lanzarote, wenn sie nicht noch einmal aufbegehrt hätten. Nur fünf Minuten später, in der 54. Minute, schlug wieder James Young zu. Eine präzise Flanke von Miroslav Despotovic, und Young köpfte den Ball wuchtig unter die Latte. 2:2, das Stadion tobte, und Trainer Leverkusen schrie seinen Spielern ein "Jetzt geht’s los!" entgegen, das man vermutlich bis nach Fuerteventura hören konnte. Aber die Madrilenen blieben unbeeindruckt. Ihr Offensiv-Trio Tekke, Gagne und Calabro wirbelte unermüdlich. In der 70. Minute dann das, was man in Madrid wohl "die Vorentscheidung" nennt: Edoardo Calabro vollendete nach cleverem Zuspiel von Sainz zum 3:2. Ein Tor, so schön, dass selbst einige Lanzarote-Fans höflich klatschten - oder vielleicht war es einfach Resignation. "Ich hab den Pass gespürt, bevor er kam", philosophierte Calabro nach dem Spiel. "Manchmal ist Fußball wie Jazz - du musst improvisieren." Lanzarote versuchte danach alles, aber gegen die präzisen Kombinationen der Blancos half weder Sonnencreme noch Taktiktafel. Trainer Leverkusen wechselte zwar offensiver, doch Madrid kontrollierte das Spiel mit abgeklärter Routine. Nur gelegentlich blitzte die Kanarische Lebensfreude noch auf - etwa als James Young in der 85. Minute mit einem Hackenpass versuchte, seinen Torwart Xabier Xuarez einzusetzen. "Ich wollte das Spiel öffnen", erklärte er - seine Mitspieler schauten ihn an, als hätte er gerade einen Kurzurlaub beantragt. Am Ende blieb es beim 3:2 für Blancos Madrid, ein Sieg, der verdient, aber nicht ohne Mühen war. Klopfenstein lobte nach Abpfiff seine Mannschaft: "Wir haben gezeigt, dass Geduld und Pressing auch unter Palmen funktionieren." Leverkusen hingegen wirkte gefasst: "Wenn man gegen Madrid zwei Tore schießt, hat man nicht alles falsch gemacht. Aber wenn man drei kassiert, war’s wohl zu wenig Sonne im Kopf." Ein Spiel, das alles hatte: frühe Tore, Kampfgeist, etwas Chaos - und die Erkenntnis, dass selbst auf Lanzarote der Fußball keine Ferien kennt. Oder, wie ein Fan es beim Verlassen des Stadions formulierte: "Wir haben verloren, klar. Aber wenigstens war’s warm und schön." Ein Trost, den man in Madrid nicht immer hat. 26.04.643997 07:16 |
Sprücheklopfer
In diesem Scheißverein kann man nicht mal richtig feiern.
Paul Breitner über Bayern München