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Es war ein Abend, wie ihn die 43.224 Zuschauer im Zürcher Stadion so schnell nicht vergessen werden. Blau-Weiss Zürich schlägt Blau-Weiss Luzern mit 2:1 - ein Ergebnis, das nüchtern betrachtet knapp klingt, emotional aber einer Berg- und Talfahrt glich. Zwischen Traumtor, Platzverweis und hitzigen Wortgefechten bot dieses Spiel alles, was der schweizerische Fußball an Drama hergibt. Die erste Halbzeit? Ein Abtasten auf hohem Niveau - oder, wie ein Kollege in der Pressezone murmelte: "Abtasten mit angezogener Handbremse." Zürich hatte mit 61 Prozent Ballbesitz mehr vom Spiel, aber wenig Durchschlagskraft. Luzern, offensiv eingestellt, kam zwar mit langen Bällen immer wieder gefährlich vors Tor, doch Keeper Cesar Pauleta war hellwach. Nach 45 Minuten stand es 0:0, und selbst der Pausenkaffee schien spannender als das, was bis dahin auf dem Rasen passiert war. Dann aber explodierte die Partie. In der 67. Minute setzte der 32-jährige Mohamed Serfontein ein Ausrufezeichen. Nach einer Kombination über links zog er in den Strafraum, täuschte zweimal an, und während Luzerns Verteidiger Franck Stock noch überlegte, ob er eingreifen sollte, zappelte der Ball bereits im Netz. 1:0 Zürich - das Stadion bebte. "Ich hab einfach gedacht: Jetzt oder nie", grinste Serfontein später, noch schweißnass und sichtlich stolz. Doch Luzern schlug zurück - und wie! Nur fünf Minuten später (72.) war es Robert Locklear, der einen präzisen Pass von Piotr Chawanow eiskalt verwertete. Der Jubel im Gästeblock war ohrenbetäubend, und Luzerns Trainer Reinhard Wild riss die Arme hoch: "Wir waren wieder da, und für einen Moment dachte ich, wir drehen das Ding noch." Aber Fußball schreibt keine Drehbücher, er reißt sie auseinander. Kaum hatte der Stadionsprecher das 1:1 verkündet, da klingelte es erneut - diesmal auf der anderen Seite. Nur eine Minute später (73.) fasste sich Viktor Ali ein Herz. Nach Vorarbeit von Altmeister Pal Kubala schlenzte er den Ball unhaltbar ins lange Eck. 2:1! "Ich hab den Schuss noch in der Luft gefeiert", lachte Trainer Felix Stoch später. Luzern verlor danach völlig die Nerven. In der 71. Minute hatte Franck Stock bereits Gelb-Rot gesehen - ein Frustfoul der Marke "Ich-will-nur-noch-duschen". Danach war die Partie für die Gäste ein Kampf gegen die Zeit, gegen die Unterzahl und gegen den eigenen Puls. "Wir waren zu emotional", gestand Wild später, "und Zürich hat das eiskalt ausgenutzt." Zürich spielte die Schlussphase clever herunter, ließ den Ball laufen, als wäre er aus Porzellan. Mit neun Torschüssen zu sechs und einer Zweikampfquote von 53 Prozent hatten die Gastgeber auch statistisch leicht die Nase vorn. Nur einmal wurde es noch brenzlig: In der 88. Minute rauschte ein Freistoß von Luzerns Ersatzmann Phillip Lavoie knapp am Pfosten vorbei - Pauleta wäre chancenlos gewesen. Nach dem Schlusspfiff fiel Stoch seinem Torschützen Ali in die Arme, während auf der anderen Seite Luzerns Kapitän Finn Hougaard kopfschüttelnd in den Nachthimmel blickte. "Wir haben uns selbst geschlagen", meinte er trocken, und das war wohl die ehrlichste Analyse des Abends. Ein Fan hinter mir brachte es auf den Punkt: "Das war kein Spiel, das war ein Herzinfarkt mit Halbzeitpause." Treffender kann man es kaum sagen. Und so bleibt Blau-Weiss Zürich dank eines Doppelschlags binnen sechs Minuten der strahlende Sieger eines Abends, der allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben dürfte. Luzern dagegen reist mit leeren Händen, aber vollen Notizbüchern ab - es gibt einiges aufzuarbeiten. Vielleicht tröstet sie der Gedanke, dass Fußball manchmal einfach eine Frage des Augenblicks ist. Und dieser Augenblick, das war Serfonteins Schlenzer in der 67. Minute - ein Moment, der selbst den neutralsten Zuschauer kurz an Wunder glauben ließ. Oder, wie Stoch es mit einem Augenzwinkern formulierte: "Wir hatten heute das Glück des Tüchtigen. Und Mohamed den Fuß des Himmels." Ein Abend, an dem Zürich jubelte, Luzern fluchte und die Zuschauer das bekamen, was sie wollten: echten Fußball mit all seinen Fehlern, Emotionen und kleinen Dramen. Kurz gesagt - 90 Minuten, die nach mehr schmecken. 06.09.643996 13:04 |
Sprücheklopfer
Wir wollen uns von Spiel zu Spiel konzentrieren und die Tordifferenz verringern.
Christoph Daum