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Wenn 54.149 Zuschauer an einem kühlen Aprilabend in Eschborn den Atem anhalten, dann liegt meist ein Drama in der Luft. Und das bekamen sie beim 1:2 (1:0) ihres 1. FC Eschborn gegen den Bonner SC in voller Länge geboten - mit allem, was das Fußballherz und der innere Kabarettist begehren: frühe Euphorie, späte Ernüchterung, gelbe Karten wie Konfetti und ein Platzverweis, der das Schicksal besiegelte. Es begann verheißungsvoll. In der 11. Minute fand Xavier Ximenis - Eschborns quirliger Linksaußen - nach einem Eckball von Innenverteidiger Lucas Cascarino den Ball am Fuß und, man muss es sagen, den Mut im Herzen. Sein wuchtiger Abschluss aus 14 Metern schlug unhaltbar im rechten oberen Eck ein. "Ich hab einfach draufgehalten, weil Lucas so schön gerufen hat: ’Mach ihn!’", grinste Ximenis später. Trainer Yas Sin ballte die Faust, die Tribüne tobte, und Eschborn wähnte sich auf Kurs. Was dann folgte, war ein Lehrstück in verpassten Chancen. Tomasz Buchholz vergab zweimal freistehend (14. und 69.), Jacob Holz prüfte Bonns Keeper Amaury Panero gleich dreimal, und selbst Innenverteidiger Nael Goncalves fühlte sich in der 65. Minute kurz dazu berufen, den Strafraum zu stürmen. Der Ballbesitz blieb fast ausgeglichen (48 % zu 52 %), aber der Eschborner Drang nach vorne wirkte zunehmend verkrampft. Bonner SC dagegen lauerte. Trainer Lukas Teuber hatte seine Mannschaft auf Konter über die Flügel eingestellt - und das mit chirurgischer Präzision. "Wir wussten, dass Eschborn irgendwann müde wird, wenn sie so viel anlaufen", erklärte er mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Taktikfuchs und verschmitztem Fuchs pendelte. In der 62. Minute war es soweit: Freddie Hiliard behauptete sich am Strafraum, legte quer auf Antonio Gutierrez, der mit der Präzision eines Uhrwerks einschweißte - 1:1. Das Stadion verstummte für einen Moment, als hätte jemand den Ton abgedreht. Danach kippte das Spiel - und mit ihm die Stimmung. Lucas Cascarino, eben noch Vorlagengeber zum 1:0, sah in der 68. Minute Gelb, in der 82. Minute dann Gelb-Rot. "Ich wollte nur zeigen, dass ich noch da bin", murmelte er später, als er mit hängenden Schultern in den Kabinengang stapfte. Trainer Yas Sin kommentierte trocken: "Lucas hat heute ein bisschen zu viel gezeigt." Mit einem Mann mehr roch Bonn Blut. Teuber schob seine Flügelstürmer noch weiter nach vorne, und Eschborn verteidigte nun, wie man es aus den schlechteren Sonntagen kennt - mit Herz, aber ohne Ordnung. In der 89. Minute setzte erneut Esteban Makukula einen Pass in die Tiefe, Hiliard startete, ließ Goncalves stehen und schob eiskalt ein. 1:2. Der Schlusspfiff kam wie eine Erlösung - allerdings nur für die Gäste. Bonns Spieler fielen sich in die Arme, während Eschborns Fans mit einer Mischung aus Stolz und Resignation applaudierten. "So ein Spiel verlierst du nur, wenn du alles gibst - und das Falsche triffst", sagte Ximenis mit einem Achselzucken, das mehr sagte als jede Statistik. Apropos Statistik: Beide Teams kamen auf je neun Torschüsse, wobei Bonn mit etwas mehr Ballbesitz und weniger Zweikampfquote die effizientere Seite stellte. Das klingt paradox - war aber symptomatisch für den Abend. Eschborn spielte, Bonn siegte. Im Presseraum versuchte Yas Sin, den Humor zu bewahren: "Wir haben heute viel gelernt. Zum Beispiel, dass man auch mit 54.000 Zeugen nicht immer Recht bekommt." Nebenan grinste Teuber: "Ich sag’s ungern, aber das war clever von uns." Vielleicht war es das. Vielleicht war es auch einfach Fußball - dieses unberechenbare Spiel, das manchmal keine Gerechtigkeit kennt, aber jede Menge Geschichten schreibt. Und so gingen die Lichter im Stadion aus, die Fans zogen in die Nacht, und irgendwo in der Kabine des Bonner SC soll Hiliard leise gesungen haben. Nicht triumphal, eher erleichtert. Denn wer in Eschborn in der 89. Minute trifft, der darf auch mal falsch singen. 02.08.643996 05:30 |
Sprücheklopfer
Das Chancenplus war ausgeglichen.
Lothar Matthäus