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Es gibt Fußballabende, an denen man sich fragt, ob man Zeuge eines sportlichen Wunders oder eines taktischen Zusammenbruchs geworden ist. Das 6:0 des Bonner SC gegen Eisern Union Berlin am 16. Spieltag der 1. Liga Deutschland gehört eindeutig zur zweiten Kategorie - zumindest, wenn man es aus Berliner Sicht betrachtet. Für die 32.653 Zuschauer im Bonner Stadion war es hingegen ein rauschendes Fest, das schon nach wenigen Minuten in die richtige Richtung kippte. Bereits in der 8. Minute setzte Detlev Hafner den ersten Stich. Nach einem schnellen Doppelpass mit Joel McLeod zog der rechte Flügelstürmer aus spitzem Winkel ab - Torhüter Finn Kraus streckte sich vergeblich. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", gab Kraus später kleinlaut zu. Sein Trainer, Roter Jan, sah das naturgemäß anders: "Da war nichts draußen, nur unsere Ordnung." Union Berlin hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den ersten und fast einzigen nennenswerten Torschuss verbucht - Alberto Garces hatte in der 5. Minute eine harmlose Bogenlampe auf den Bonner Keeper Mirko Okonski abgefeuert. Danach war Funkstille im Berliner Angriff. In der 31. Minute erhöhte McLeod persönlich auf 2:0. Nach einem weiten Ball von Innenverteidiger Amaury Martins nahm der englischstämmige Mittelfeldmann den Ball volley - ein Treffer, der nach Lehrbuch aussah. "Joel hat heute gespielt, als wäre er drei Leute", schwärmte Bonns Trainer Lukas Teuber nach dem Spiel. Drei Leute? Vielleicht sogar vier, denn McLeod war an insgesamt vier der sechs Tore beteiligt und netzte selbst drei Mal ein (31., 55., 66.). Nach der Pause begann das, was man in Bonn künftig wohl einfach "die Makukula-Minutenshow" nennen wird. In der 54. Minute fackelte Esteban Makukula nicht lange: ein satter Schuss aus 20 Metern, wieder nach Vorarbeit von Martins - 3:0. Nur eine Minute später legte McLeod das 4:0 nach, und man spürte, dass das hier kein normales Bundesligaspiel mehr war, sondern eine Demonstration. Union hingegen blieb erstaunlich passiv. Kein Pressing, kein Aufbäumen, keine erkennbare Strategie. Laut Statistik kamen die Berliner nur auf zwei Torschüsse im gesamten Spiel, während Bonn 17 Mal gefährlich abschloss und 54 Prozent Ballbesitz verbuchte. "Wir wollten kompakt stehen", erklärte Trainer Jan nach dem Spiel, "aber irgendwann standen wir halt nur noch." Das 5:0 in der 66. Minute war fast eine Kopie des 4:0 - wieder McLeod, diesmal nach Flanke von Rechtsverteidiger Mario Baiao. Das Stadion tobte, die Bonner Fans sangen sich heiser, und die Berliner Abwehr wirkte zunehmend wie eine Theatergruppe, die vergessen hatte, dass sie auf der Bühne steht. Als Claude Amyot in der 83. Minute nach schöner Vorarbeit von Michel Eliezer das halbe Dutzend vollmachte, lagen sich selbst die Ordner an der Seitenlinie in den Armen. "Ich bin einfach reingelaufen, das war wie Training", grinste der junge Kanadier Amyot. Die Gäste aus der Hauptstadt hatten zu diesem Zeitpunkt ihren linken Flügel Stephan Stephan bereits verloren, der in der 80. Minute verletzt raus musste. Für ihn kam Jan Betz, der aber auch keine Akzente mehr setzen konnte. Trainer Teuber lobte nach dem Spiel die Konsequenz seiner Mannschaft: "Wir haben heute einfach Fußball gespielt - nicht mehr, aber auch keinen Meter weniger." Auf die Frage, ob er sich nun in der Liga oben festsetzen wolle, antwortete er mit einem verschmitzten Lächeln: "Wenn man sechs schießt, darf man kurz träumen, oder?" Für Union Berlin bleibt dieser Abend einer zum Vergessen. Ihr Coach Roter Jan fasste es trocken zusammen: "Manchmal ist Fußball wie ein Zahnarztbesuch - du weißt, es wird wehtun, aber du musst trotzdem durch." Bonner SC dagegen darf feiern: 6:0, drei Punkte, Selbstvertrauen bis zur Stadiondecke. Und Joel McLeod? Der verschwand nach dem Spiel mit einem breiten Grinsen in den Katakomben und murmelte: "War ein ganz netter Abend." Ganz Bonn wird ihm da wohl kaum widersprechen. 04.05.643994 02:02 |
Sprücheklopfer
Das Chancenplus war ausgeglichen.
Lothar Matthäus