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Es war ein Abend, an dem sich 34.114 Zuschauer im Estadio Cerrense zwischen Begeisterung und Verzweiflung hin- und hergerissen fühlten. Am Ende stand ein 2:2, das CD Cerrense wie eine Niederlage schmeckte, während CF Rio Boston den Punkt feierte, als hätten sie gerade die Meisterschaft gewonnen. Schon nach fünf Minuten bebte das Stadion: Sean MacPhee, der flinken Flügelzange Cerrenses, reichte ein kurzer Doppelpass mit Christian Petrizzi, um die Gästeabwehr wie ein Taschenmesser aufzuschneiden. Mit einem satten Schuss ins kurze Eck ließ MacPhee Gäste-Keeper Arkadiusz Nowak keine Chance. "Ich hab einfach draufgehalten - manchmal hilft Nachdenken auch nicht", grinste MacPhee später, als wolle er seine eigene Spontaneität nicht überbewerten. Doch wer dachte, das würde ein gemütlicher Heimabend, der irrte. Nur zehn Minuten später antwortete Rio Boston mit der Präzision eines Uhrwerks. Jacob Dewey flankte von links, Necmettin Cakmak sprang höher als alle anderen - 1:1, und Trainer Reini Stöger klatschte an der Seitenlinie so frenetisch, als hätte er gerade selbst getroffen. "Der Necmettin, der braucht nur eine halbe Chance", sagte er nachher und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Nur schade, dass er nicht auch hinten aushilft." In der Folge entwickelte sich ein offenes Spiel, das die Zuschauer mitriss. Cerrense hatte zwar nur 47,8 Prozent Ballbesitz, aber dafür Herz und Härte. Rio Boston kombinierte technisch sauberer, kam auf 16 Torschüsse - sechs mehr als die Hausherren -, doch Keeper Joseba Mendes war in Topform. Besonders in der 40. Minute, als Cakmak erneut vor ihm auftauchte und Mendes sich mit einer Katzenreaktion in die Schussbahn warf, bewies der Schlussmann, warum man ihn im Verein "den norwegischen Fels" nennt - obwohl er aus Montevideo stammt. Nach der Pause änderte sich wenig: beide Teams suchten den Weg nach vorn, Cerrense etwas direkter, Rio mit mehr Ballbesitz und Geduld. Dann, in Minute 63, der Moment, der das Stadion erneut explodieren ließ. Duarte Galindo, bis dahin eher unauffällig, zog aus 20 Metern ab - und traf! Vorausgegangen war ein energischer Sprint von Joao Gomes, der zwei Gegner stehen ließ und den Ball querlegte. 2:1 für Cerrense, der Jubel grenzenlos. Trainer Leahcim Gnipeur sprang an der Seitenlinie auf und brüllte: "So will ich das sehen!", während sein Co-Trainer eilig versuchte, ihm das Hemd wieder in die Hose zu stecken. Galindo selbst blieb gelassen: "Ich habe einfach die Lücke gesehen. Wenn ich da nicht schieße, krieg ich morgen Ärger von meiner Oma." Aber Cerrense wäre nicht Cerrense, wenn sie das Drama nicht suchten. Trotz der taktischen Ausrichtung "balanced" und eines klaren Pressings bei Rückstand wirkten die letzten zehn Minuten eher wie ein kollektiver Nervenzusammenbruch. Gelb für Kay Schäfer in der 83. Minute, wilde Klärungsversuche, ein Ball, der auf mysteriöse Weise den Weg ins Seitenaus fand, obwohl niemand ihn berührte - das Publikum schwankte zwischen Fassungslosigkeit und Galgenhumor. Und dann kam Minute 89. Ricardo Manuel, der 35-jährige Rechtsverteidiger aus der alten Schule, flankte blind in die Mitte. Juanito Quiles, der junge Stürmer mit dem Kinderlächeln und der kalten Ader, nahm die Kugel direkt - 2:2! Mendes streckte sich vergeblich, der Ball zappelte im Netz. Schweigen über dem Stadion, nur die Gäste jubelten. "Ich hab das Ding einfach gespürt", sagte Quiles später mit einem Grinsen, "und ehrlich gesagt - ich wollte eigentlich köpfen." Die letzten Sekunden liefen aus, Cerrense rannte verzweifelt an, doch es blieb beim 2:2. Statistisch gesehen ein gerechtes Ergebnis, gefühlt allerdings ein Stich ins Herz der Gastgeber. Trainer Gnipeur wirkte auf der Pressekonferenz zwischen Zorn und Bitterkeit: "Wenn du 85 Minuten führst und dann so einen kassierst - das ist wie kalter Mate-Tee nach einem Marathon." Sein Gegenüber Stöger dagegen war zufrieden: "Wir haben Moral. Ich sag’s den Jungs immer: Wer bis zum Schluss rennt, darf auch mal spät feiern." Hinter ihm klopfte Cakmak lautstark auf den Tisch und rief: "Ich hab’s doch gesagt, Trainer!" Am Ende hatten beide Teams Grund zur Freude - Cerrense über zwei sehenswerte Tore, Rio Boston über ihre Unverwüstlichkeit. Das Publikum verabschiedete seine Mannschaft mit Applaus, halb aus Dankbarkeit, halb aus Trotz. Und irgendwo im Stadion fluchte ein Fan leise: "Wenn die so weiterspielen, wird das noch was mit dem Herzinfarkt." Vielleicht hat er recht. Aber langweilig wird es mit Cerrense garantiert nie. 14.08.643996 12:05 |
Sprücheklopfer
Wir spielen hinten Mann gegen Mann, und ich spiel gegen den Mann.
Olaf Thon