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Wenn 49.966 Zuschauer im Aztekenstadion plötzlich kollektiv den Atem anhalten, dann ist entweder die Sonne über Mexiko-Stadt untergegangen oder CD Cruz Azul hat wieder ein Comeback hingelegt, das selbst Telenovela-Autoren als "zu übertrieben" ablehnen würden. Am 16. Spieltag der 1. Liga Mexico besiegte Cruz Azul die Gäste von Pumas Nacional nach einem 0:2-Pausenrückstand noch mit 3:2 - und das in einem Spiel, das alles hatte: Tore, Drama, Karten und einen rechten Verteidiger, der plötzlich Stürmer spielte. Denn der Name des Abends hieß zunächst Ivica Dordevic. Ja, richtig gelesen: der rechte Verteidiger der Pumas. Schon in der ersten Minute drosch er den Ball aus 20 Metern in den Winkel, als wolle er beweisen, dass Außenverteidiger in Wahrheit unerkannte Künstler sind. In der 35. Minute machte er es gleich noch einmal - Vorlage erneut von Duarte de la Sota, der offenbar beschlossen hatte, die rechte Seite in eine Autobahn zu verwandeln. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste Dordevic später. "Dann hab ich einfach draufgehalten - zweimal. Vielleicht sollte ich öfter vorne bleiben." Cruz Azul-Coach Bronco Capone sah da allerdings weniger Spaß: "Wir haben uns in der ersten Halbzeit präsentiert wie Touristen auf Stadtrundfahrt. Schön geguckt, aber nichts angefasst." Seine Elf hatte zwar mehr Ballbesitz (53,6 Prozent) und ganze 17 Torschüsse, doch bis zur Pause war das alles so wirkungsvoll wie ein Regenschirm aus Papier. Die zweite Halbzeit begann dann mit einem Krachen - im wahrsten Sinne. In der 53. Minute erzielte Emilio Ferreira nach Zuspiel von Ivan Baiao den Anschlusstreffer, verletzte sich aber kurz danach am Sprunggelenk. Während er humpelnd ausgewechselt wurde, knirschte Capone an der Seitenlinie mit den Zähnen. Er brachte Dino Petric - und der sollte später Geschichte schreiben. Bevor es soweit war, sorgte Pumas-Verteidiger Egil Fischer für das, was man in Mexiko wohl "den Wendepunkt des Abends" nennt. Erst Gelb in der 60. Minute, dann Gelb-Rot in der 69. "Ich hab den Ball gespielt", protestierte er, während der Schiedsrichter wortlos die Karte in die Luft hielt. "Ja, vielleicht den unsichtbaren", murmelte ein Mitspieler. Trainer Andy Nordlicht nahm’s mit Galgenhumor: "Wenn du mit zehn Mann spielst, lernst du, wie groß ein Spielfeld wirklich ist." Nun nutzte Cruz Azul die Überzahl - und Petric seine Chance. In der 74. Minute nahm er einen Pass von Rene Simard volley und traf zum 2:2. Das Stadion explodierte, Capone sprang wie ein Rodeoreiter an der Seitenlinie. "Ich hab ihm gesagt: Dino, mach was Verrücktes!", lachte der Coach später. "Na ja, er hat mich wohl wörtlich genommen." Und als alle schon mit einem Unentschieden rechneten, kam die 88. Minute - und Silvestre Veloso. Der linke Mittelfeldmann zog nach Zuspiel von Felipe Da Cru aus 18 Metern ab, der Ball klatschte an den Innenpfosten und über die Linie. 3:2. Die Kurve bebte, Bierduschen inklusive. Veloso grinste später: "Ich wollte eigentlich flanken. Aber wenn’s reingeht, war’s natürlich Absicht." Die Zahlen sprechen am Ende eine klare Sprache: 17:7 Torschüsse, 55 Prozent Ballbesitz, bessere Zweikampfquote. Aber die Statistik erzählt nicht, wie die 49.966 Menschen im Stadion in der zweiten Hälfte von Verzweiflung zu Ekstase taumelten. Capone sagte es so, als er nach dem Spiel in die Kameras grinste: "Manchmal musst du erst mit dem Rücken zur Wand stehen, um zu merken, dass da noch Farbe dran ist." Nordlicht nickte später in der Pressekonferenz: "Wir haben stark begonnen - und dann aufgehört. Das ist selten ein gutes Rezept." Ein Spiel voller kleiner Dramen: zwei Gelbe, eine Gelb-Rote, eine Verletzung, drei wunderschöne Tore für Cruz Azul, zwei für einen Verteidiger, der kurzzeitig aussah wie Cristiano Ronaldo auf Koffein. Am Ende blieb das Gefühl, Zeuge einer dieser magischen Fußballnächte gewesen zu sein, in denen Logik Urlaub nimmt. Oder, wie ein Fan beim Verlassen des Stadions sagte: "Ich bin hergekommen, um mich zu ärgern - und gehe jetzt heiser nach Hause." Willkommen in der Welt von Cruz Azul. Und irgendwo auf der Ersatzbank grinste Dino Petric noch immer. 30.11.643999 23:32 |
Sprücheklopfer
Freundschaften zählen für mich sehr, aber nicht in diesem Geschäft. Ich habe Jürgen Gelsdorf vor die Tür gesetzt, der war sogar mein Trauzeuge.
Rainer Calmund