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Dresden - Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, warum man Fußball eigentlich liebt. Und dann fallen einem wieder Spiele wie dieses ein: Dinamo Dresden besiegt den frech aufspielenden TuS Hordel mit 2:1, nachdem es zur Pause noch 0:1 hieß. 25.893 Zuschauer in der Rudolf-Harbig-Arena sahen eine Partie, die anfangs eher nach Betriebsunfall, später aber nach kämpferischer Erlösung roch. Dabei begann alles so, wie es sich Gäste-Trainerin Ute Finkeldy wohl erträumt hatte. Ihre Hordeler traten mutig auf, nutzten die Räume - und in der 14. Minute belohnte sich ihr Sturmduo. Vincent Albinana flankte präzise von links, Tim Pfeiffer stand goldrichtig und drückte den Ball trocken über die Linie. 1:0 für Hordel, und plötzlich hörte man im Gästeblock Trommeln, die man in Dresden sonst nur von Dynamo kennt. "Wir wollten mutig sein und nicht nur den Bus parken", grinste Finkeldy später. Dinamo hingegen wirkte in der ersten halben Stunde wie ein Diesel im Januar: viel Lärm, wenig Vortrieb. Zwar prüften Christopher Hammer (16.) und Claus Albert (25., 38.) den Hordeler Keeper Jacob Montgomery, doch der zeigte sich in Sonntagsform. "Ich hab ihm in der Halbzeit gesagt, er soll endlich aufhören, den Ball anzustarren und anfangen, ihn zu treffen", knurrte Trainer Maikma Nauskas über seinen Stürmer Albert - halb ernst, halb schmunzelnd. Und tatsächlich, die Worte schienen zu wirken. Nur fünf Minuten nach Wiederanpfiff schlug Albert eiskalt zu. Nach Vorlage des jungen Luis Rupp wuchtete er das Leder zum 1:1 in die Maschen. Das Stadion kochte, und plötzlich glaubte man wieder an den Fußballgott - zumindest an einen, der schwarz-gelb trägt. Doch Hordel ließ sich nicht hängen. Zwischen Minute 49 und 67 feuerten sie gleich fünfmal aufs Dresdner Tor, Pfeiffer, Albinana und der agile Marwin Rodriguez prüften Keeper Ernesto Morais, der mehrmals glänzend parierte. "Ich hatte kurz das Gefühl, wir trainieren Torschüsse", flachste Morais danach. In der 62. Minute dann der Moment, der das Spiel drehte: Wieder Rupp, diesmal mit einem butterweichen Pass auf Hammer - und der drosch den Ball mit links in den Winkel. 2:1. Dresden tobte. Rupp rannte jubelnd zur Eckfahne, Hammer hob ihn hoch wie einen kleinen Bruder. "Ich hab ihm gesagt, das war Absicht", lachte Rupp später, "er meinte nur: ’Na endlich!’" Ab da wurde’s hektisch. Gelbe Karten flogen wie Herbstlaub - Julius Buchholz (59.) und Marcel Conrad (69.) sahen Gelb, ebenso wie Hordels Detlev Foerster schon früh in der 12. Minute. Nauskas wechselte in der Schlussphase fröhlich durch: Galvez kam für Barreda, später Gagnon für Hammer, und in der 90. durfte sogar der 17-jährige Maurice Moser ran - ein Debütant, der gleich bei seinem ersten Ballkontakt einen Sprint ansetzte, als hinge sein Führerschein davon ab. Zahlenfreunde würden sagen: Hordel hatte mehr vom Spiel. 55 Prozent Ballbesitz, 12 Torschüsse gegenüber 11 Dresdner Versuchen, eine leicht bessere Zweikampfquote. Aber Fußball ist bekanntlich kein Statistikseminar. Dresden kämpfte, Dresden rannte, Dresden traf. Hordel spielte hübsch, aber ging leer aus - und manchmal ist das eben der Unterschied zwischen Erlebnis und Ergebnis. "Wir haben’s in der zweiten Halbzeit mit Herz gemacht", fasste Nauskas zusammen. "Und vielleicht auch mit ein bisschen Trotz. In Dresden lässt man sich nicht von Hordel die Punkte klauen." Sein Gegenüber Finkeldy nahm’s sportlich: "Wir haben gut gespielt, aber die Dresdner waren kaltschnäuziger. Und ehrlich gesagt, ich gönn’s denen - die Fans hier sind irre." Als das Flutlicht erlosch und die letzten Zuschauer sich in die laue Juni-Nacht verabschiedeten, hallte noch ein Lied durchs Stadion, das von Aufstehen, Kämpfen und niemals Aufgeben handelt. Es passte. Denn an diesem Abend hatte Dinamo Dresden genau das getan: aufgestanden, gekämpft - und am Ende gewonnen. Ein bisschen Drama, ein bisschen Fußballromantik, ein bisschen Chaos - und ein 2:1, das sich anfühlte wie ein Klassenerhaltsspiel. Oder wenigstens wie ein Montagmorgen mit Kaffee nach einer durchfeierten Nacht. Kurz gesagt: Dresden lebt. Und der Ball rollt weiter - manchmal schief, aber immerhin ins richtige Tor. 22.02.644003 03:32 |
Sprücheklopfer
Jancker - hier nimmt er den Ball mit dem Rücken an.
Günter Netzer