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Es gibt Abende, an denen man sich fragt, ob die Heimmannschaft überhaupt erschienen ist. Der Donnerstag in Sosnowiec war so einer. 26.999 Zuschauer sahen im Stadion von Dinamo Sosnowiec ein Spiel, das eher an eine einseitige Trainingseinheit erinnerte - allerdings für die Gäste. SK Pruszkow fegte mit einem 3:0 über das Feld, als wäre die 1. Liga Polen ihr persönlicher Spielplatz. Schon nach 17 Minuten war klar, dass Dinamo an diesem Abend mit sich selbst beschäftigt war. Christopher Preston, der flinke Linksaußen der Gäste, nutzte eine präzise Hereingabe von Charles Fraser und versenkte den Ball eiskalt. "Ich hab’ einfach draufgehalten", grinste Preston später, als wüsste er selbst nicht so genau, warum das alles so leicht ging. Nur 15 Minuten später dasselbe Bild: Preston wieder frei, wieder Abschluss - wieder Tor. 0:2 nach 32 Minuten, und man hatte das Gefühl, Dinamo-Trainer Sebastian Milla würde am liebsten selbst aufs Feld stürmen, um wenigstens einen Zweikampf zu gewinnen. "Wir hatten eigentlich offensiv aufgestellt", sagte er nach dem Spiel mit einer Mischung aus Galgenhumor und Resignation. "Leider hat das niemand meinen Spielern gesagt." Die Statistik sprach Bände: 18 Torschüsse für Pruszkow, einer für Dinamo. Ja, einer. In der 88. Minute, als Walther Jahn, 35 Jahre jung und vermutlich der Einzige mit Restpulse im Dinamo-Trikot, sich ein Herz fasste und einfach mal aufs Tor schoss. Der Ball landete - naja, irgendwo in der Nähe der Eckfahne. Das Publikum reagierte mit einem freundlich-ironischen Applaus, als wolle es sagen: "Na siehste, geht doch!" Währenddessen spielte SK Pruszkow den Ball mit stoischer Ruhe durch die eigenen Reihen. 57 Prozent Ballbesitz, Passspiel wie aus dem Lehrbuch, und eine Defensive, die so solide stand, dass Torhüter Pedro Sousa sich in der zweiten Halbzeit mehrfach dehnte, um nicht einzuschlafen. Trainer Stefan Petruck kommentierte trocken: "Wir wollten ruhig bleiben, und das hat ganz gut geklappt. Meine Jungs haben das Spiel kontrolliert wie ein alter Fiat auf gerader Strecke - nichts Schönes, aber zuverlässig." Nach der Pause folgte dann auch noch die Kür: Der 17-jährige Bryan Panis, offenbar ohne Angst vor irgendwem oder irgendwas, schlenzte in der 50. Minute den Ball nach Vorarbeit von Grzegorz Chalaskiewicz ins Eck. 3:0 - und der Rest war Schaulaufen. "Ich wollte einfach zeigen, dass ich dazugehöre", sagte Panis mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen jugendlicher Unschuld und eiskalter Effizienz lag. Dinamo versuchte in der zweiten Halbzeit, wenigstens den Anschluss an die Realität zu finden. Doch auch hier: Fehlanzeige. Die Taktik blieb offensiv, das Ergebnis defensiv katastrophal. Selbst die gelbe Karte für Arkadiusz Lewandowski in der 77. Minute wirkte eher wie ein letzter Versuch, überhaupt mal in der Statistik aufzutauchen. Im Gästeblock dagegen herrschte ausgelassene Stimmung. "Wir haben endlich mal mehr Tore als kalte Finger!", rief ein Fan, während Preston sich auf der Ersatzbank feiern ließ. In der 71. Minute wechselte Petruck sogar den erfahrenen Constantin Furtok aus und brachte den 18-jährigen Marcello Amendolara - einfach, weil er konnte. Als der Schlusspfiff ertönte, stand es 0:3 - und man hatte das Gefühl, dass auch 0:6 möglich gewesen wäre, hätte Pruszkow Lust darauf gehabt. Dinamo Sosnowiec wirkte ratlos, müde und ein bisschen verloren in der eigenen Offensive. Trainer Milla fasste es später zusammen: "Wir wollten mutig auftreten. Am Ende waren wir nur höflich und haben den Gästen den Ball überlassen." SK Pruszkow dagegen zeigte, dass man auch mit einer ausgewogenen, unspektakulären Taktik effektiv Fußball spielen kann. Kein wildes Pressing, kein hektisches Draufgehen - einfach clever, ruhig, präzise. Zum Schluss stand Christopher Preston noch einmal vor der Presse und grinste: "Zwei Tore, ein Sieg, und meine Mutter guckt das Spiel im Fernsehen - was will man mehr?" Was Dinamo Sosnowiec mehr will, ist klar: Punkte, Struktur und vielleicht ein bisschen Stolz. Denn nach diesem Abend bleibt nur die Erkenntnis: Wer offensiv spielen will, sollte vorher sicherstellen, dass der Ball nicht immer beim Gegner landet. Vielleicht hilft ein freier Tag, vielleicht ein Wutanfall im Training. Vielleicht auch einfach ein Tor. Nur eins. Damit die nächste Statistik nicht wieder so aussieht, als wäre Dinamo gar nicht erschienen. 01.11.643996 21:40 |
Sprücheklopfer
Die Karten sind neu gewürfelt.
Oliver Kahn