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Es war einer dieser Abende, an denen das Flutlicht über dem Stadion von Pruszkow glühte, als wolle es das Geschehen auf dem Rasen selbst kaum glauben. 41.371 Zuschauer sahen ein 2:2 zwischen SK Pruszkow und RKS Radomiak, das sich anfühlte wie eine Achterbahnfahrt mit offenen Türen. Die Hausherren begannen mit kontrollierter Energie - Trainer Stefan Petruck hatte sein Team auf "balanciertes Risiko" eingestellt, was ungefähr so klingt, als wolle man einen Kuchen backen, ohne Mehl zu benutzen. Aber siehe da, es funktionierte. Bereits in der 20. Minute zog der 35-jährige Routinier Jerzy Zurawski aus dem Rückraum ab, nachdem Flügelmann Jerzy Augustyn ihm den Ball butterweich aufgelegt hatte - 1:0 für Pruszkow. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Augustyn später, "aber Jerzy schießt halt auf alles, was sich bewegt." Radomiak, von Anfang an offensiv eingestellt, ließ sich davon nicht beeindrucken. Schon in der ersten Minute hatte Brede Jakobsen den ersten Warnschuss abgegeben, und auch Oliveira und Babinow prüften Pruszkows Keeper Pedro Sousa früh. Doch der Portugiese zwischen den Pfosten war zunächst nicht zu überwinden, fischte in der 18. Minute sogar einen Schuss Babinows aus dem Winkel, als hätte er Klett an den Handschuhen. Die erste Halbzeit endete mit einem leichten Übergewicht für Radomiak beim Ballbesitz (52:48), aber mit einem Rückstand auf der Anzeigetafel. Trainer Lukas Breer rief seinen Männern in der Pause zu - so berichteten es Ohrenzeugen auf der Tribüne -: "Ihr spielt schön, aber Tore zählen, nicht Pässe!" Kaum war die zweite Hälfte angepfiffen, nahm das Spiel Fahrt auf. Pruszkow legte nach: In der 57. Minute rauschte Linksverteidiger Charles Fraser plötzlich nach vorne, als wäre er der heimliche Mittelstürmer. Nach einem präzisen Pass von Adrian Kosowski zog der junge Pole aus 20 Metern ab - 2:0. Der Jubel war so laut, dass sogar die Stadionkatze unter der Tribüne das Weite suchte. "Ich wusste gar nicht, dass ich so einen Schuss im Fuß habe", gestand Fraser hinterher schmunzelnd. Doch wer dachte, das sei die Entscheidung, kennt Radomiak schlecht. Nur drei Minuten später, 60. Minute: Silvestre Nene, gerade erst eingewechselt für Rafael Gomes, nahm eine Hereingabe von Cesar Tiago direkt - und traf zum 2:1. "Da war plötzlich Feuer drin", meinte Trainer Breer später, "wir haben Blut gerochen - natürlich nur metaphorisch." Die Partie kippte nun ins Wilde: Gelbe Karten für Dominguez (54.) und Contreras (73.), laute Pfiffe des Heimpublikums, und eine Serie von Schüssen auf beiden Seiten. 12 Torschüsse pro Team, das sagt viel über den offenen Schlagabtausch. In der 75. Minute rauschte Pruszkows Teenager Leandro Jorge an der Außenlinie entlang, schoss aus spitzem Winkel - knapp vorbei. Petruck raufte sich die Haare. Und dann kam die 86. Minute. Wieder war es Nene, der über rechts durchbrach, die Flanke kam haargenau auf Anatoli Babinow. Der zog ab, Sousa war dran, aber der Ball trudelte über die Linie - 2:2. Stille, dann Jubel aus dem Gästeblock, und ein resigniertes Raunen im Rest des Stadions. "Wir haben das Spiel in der Hand gehabt", knurrte Pruszkows Trainer Petruck nach Abpfiff. "Aber anscheinend haben wir Angst vor dem eigenen Erfolg." Sein Gegenüber Breer grinste breit: "Ich sag’s ja - wir sind wie Kaugummi. Wenn du denkst, wir kleben nicht mehr, kleben wir doppelt!" Die letzten Minuten waren noch einmal ein offenes Feuerwerk. Oliveira (90.) und de Almeida (91.) prüften Sousa, der sich mit zwei spektakulären Paraden revanchierte. Als der Schlusspfiff kam, lag Fraser erschöpft im Mittelkreis, während Babinow sich feiern ließ, als hätte er gerade die Liga gewonnen. Statistisch lässt sich das Remis kaum bestreiten: Gleich viele Torschüsse (12:12), fast identischer Ballbesitz, sogar die Zweikampfquote war mit 49,4 zu 50,6 Prozent ein Spiegelbild des Abends. Nur die Emotionen schlugen klar zugunsten der Gäste aus. "Ein gerechtes Ergebnis? Vielleicht", meinte Jerzy Zurawski, der Torschütze des ersten Tores, mit tiefem Seufzer. "Aber wenn man 2:0 führt und dann so endet, fühlt sich gerecht nicht gut an." So blieb am Ende ein Spiel, das niemand so schnell vergessen wird - ein Lehrstück in Sachen Moral, Nervenstärke und der unbändigen Lust, das Offensivspiel bis zum letzten Atemzug zu treiben. Oder, wie ein Fan beim Hinausgehen trocken bemerkte: "Zwei Jerzys, zwei Tore, zwei verschenkte Punkte. Mathematik kann grausam sein." 03.02.643997 22:55 |
Sprücheklopfer
Die Karten sind neu gewürfelt.
Oliver Kahn