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23657 Zuschauer in Dresden rieben sich am Samstagabend verwundert die Augen. Nicht, weil Dinamo schlecht gespielt hätte - sondern weil TuS Hordel, dieser sympathische, aber selten glamouröse Klub aus dem Ruhrgebiet, tatsächlich mit 3:2 gewann. Es war ein Spiel voller Tempo, Emotion und einer Prise Chaos - also genau das, was man sich von einem Zweitligasamstag wünscht. Dabei begann alles scheinbar nach Plan. Dinamo startete offensiv, wie es Trainer Maikma Nauskas’ Philosophie vorsieht. "Wir wollten früh Druck machen", sagte er später, "aber irgendwie hat der Druck uns dann selbst erwischt." Schon in der 27. Minute nämlich traf Hordels Innenverteidiger Luke Kinsella nach einer Ecke - und das nach Vorlage von Rechtsverteidiger Detlev Foerster. Dass ausgerechnet ein Innenverteidiger den Torreigen eröffnete, passte zum Abend: ungewöhnlich, effektiv, ein bisschen verrückt. Dresden antwortete acht Minuten später. Marcel Conrad, eigentlich linker Verteidiger und sonst eher für rustikale Einwürfe bekannt, schloss nach Vorarbeit von Arne Mohr humorlos ins rechte Eck ab - 1:1. Das Rudolf-Harbig-Stadion erwachte, und man hatte das Gefühl: Jetzt rollt die Dynamo-Maschine. Doch Hordel blieb unangenehm. Trainerin Ute Finkeldy, die an der Seitenlinie mit stoischer Ruhe wie ein Schachgroßmeisterin wirkte, hatte ihr Team perfekt eingestellt. Mit langen Pässen und schnellen Vorstößen über Ernst Kunkel und Curt Schöne brachten die Gäste die Dresdner Abwehr immer wieder ins Wanken. "Wir wussten, dass sie hoch stehen", grinste Finkeldy später, "da hilft manchmal ein weiter Ball besser als 20 Kurzpässe." Direkt nach Wiederanpfiff (46.) schlug Kunkel dann eiskalt zu. Der 21-Jährige, der aussieht, als hätte er gerade noch sein Abitur geschrieben, jagte den Ball nach feinem Zuspiel von Günther Pfeiffer ins Netz. 2:1 für Hordel - und man hörte auf der Gästebank ein ungläubiges "Das gibt’s doch nicht!" Dresden bäumte sich auf, Christopher Hammer prüfte Keeper Jacob Montgomery gleich dreimal innerhalb von 20 Minuten (48., 52., 71.), doch der Hordeler Torwart flog durch den Abend wie ein junger Buffon. Als schließlich Helmut Hummel in der 53. Minute aus spitzem Winkel traf, schien das Spiel wieder offen. 2:2 - der Lärmpegel in der Kurve stieg, und Trainer Nauskas brüllte: "Jetzt holen wir uns das Ding!" Nur holten sie es nicht. Stattdessen kam Hordel in der 75. Minute noch einmal gefährlich vors Tor. Tim Pfeiffer, der Mittelstürmer mit dem bulligen Körperbau, traf nach Vorarbeit von - wer sonst - Luke Kinsella zum 3:2. Das Stadion verstummte für einen Moment, bevor sich ein kollektives Raunen breit machte. In der Schlussphase wurde es wild. Erst flog Hordels Kurt Herbst nach Gelb-Rot (86.) vom Platz, dann verletzte sich Dresdens Flügelflitzer Fernando de Freitas (77.) und musste von Logan Lineback ersetzt werden - unter Applaus, aber auch mit sorgenvollen Blicken. "Der Muskel hat einfach zugemacht", erklärte de Freitas später lakonisch. Statistisch war es ein Duell auf Augenhöhe: Beide Teams kamen auf 14 Torschüsse, Hordel hatte mit 52,6 Prozent leicht mehr Ballbesitz - erstaunlich für eine Mannschaft, die eigentlich auf Konter spielte. Die Zweikampfquote? 50,0 zu 50,0 - fast schon poetisch ausgeglichen. Nach dem Abpfiff standen die Hordeler Spieler Arm in Arm vor ihrem Anhang, als hätten sie gerade die Champions League gewonnen. "Das war pure Leidenschaft", sagte Torhüter Montgomery, "und ein bisschen Glück - aber das gehört dazu." Dinamos Spieler hingegen schlichen vom Platz, die Schultern hängend, der Blick leer. "Wir haben viel investiert, aber am Ende zählen die Tore", meinte Marcel Conrad, der wenigstens eines davon selbst beigesteuert hatte. Trainer Nauskas versuchte, die Fassung zu wahren: "Wir haben zu viele zweite Bälle verloren. Und Hordel hat das genutzt." Dann lächelte er schief und fügte hinzu: "Vielleicht sollten wir ab jetzt auch mal lange Bälle schlagen." Ute Finkeldy konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: "Ich sag’s ungern, aber wir hatten heute einfach die besseren Ideen." So endete ein Abend, der in Dresden wohl noch lange für Gesprächsstoff sorgen wird - nicht wegen der Niederlage an sich, sondern wegen der Art, wie sie zustande kam. Hordel spielte mutig, klug und mit einer ordentlichen Portion Ruhrpott-Herzens. Und Dinamo? Die müssen sich fragen, wie man ein Spiel verlieren kann, in dem man eigentlich alles richtig zu machen glaubte. Aber das ist eben Fußball. Und manchmal schreibt der Ball die besten Glossen selbst. 09.08.643993 14:03 |
Sprücheklopfer
Wir überlegten, jemanden vom Arbeitsamt zu holen, der den Spielern Alternativberufe zeigt.
Christoph Daum zum Thema Motivation