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39042 Zuschauer in der Alten Försterei hatten sich auf einen lauen Fußballabend gefreut - sie bekamen eine Lehrstunde in Effizienz, geliefert vom 1. FC Eschborn. Mit 4:2 (1:1) gewannen die Hessen am 11. Spieltag der 1. Liga gegen Eisern Union Berlin - und das in einer Partie, die sich anfühlte, als hätte Union den Wecker auf "Snooze" gestellt. Dabei fing alles so schön an für die Gastgeber. In der 35. Minute rauschte Linksverteidiger Niels Steiner nach einem feinen Pass von Diego Ximenis in die Lücke und drosch den Ball humorlos unter die Latte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Steiner später, "aber der Ball hatte wohl andere Pläne." Das Stadion bebte, Bierduschen inklusive. Doch noch vor der Pause kam Eschborn zurück. Der 20-jährige Leandro Sousa, bis dahin kaum zu sehen, zog in der 45. Minute einfach mal ab - und traf. 1:1, und die Berliner Defensive sah dabei aus wie auf Schulausflug. "Da war keiner nah genug dran, um ihn überhaupt zu duzen", schimpfte Unions Trainer Roter Jan später, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Nach dem Seitenwechsel übernahmen die Gäste endgültig das Kommando. Während Union sich auf 48 Prozent Ballbesitz und sechs kümmerliche Torschüsse beschränkte, feuerten die Eschborner gleich 22-mal aufs Tor. Und das mit Erfolg. In der 53. Minute zirkelte Luis Klug nach Vorarbeit von Oskar Mayr den Ball sehenswert ins lange Eck - das 2:1 für Eschborn. "Ich hab einfach gemacht, was Oskar mir zugerufen hat: Kopf aus, Fuß an!", lachte Klug später. Union wirkte nun wie ein Boxer, der den Gong zur nächsten Runde überhört hat. Eschborn kombinierte, Berlin konterte halbherzig, und das Publikum seufzte kollektiv. In der 77. Minute setzte Corey Longfellow den nächsten Stich. Nach einem klugen Pass von Rechtsverteidiger Meik John schlenzte er überlegt ins linke Eck - 3:1. Longfellow, offenbar in Spiellaune, rief beim Jubel Richtung Heimkurve: "So spielt man Flügel!" Union antwortete mit Gelben Karten statt Torchancen: Jacob Kunkel (78.) und Billy Cabell (88.) hielten wenigstens farblich dagegen. Roter Jan winkte ab: "Wenn wir schon nicht treffen, dann wenigstens auffallen." Das 4:1 fiel in der 87. Minute und war der endgültige K.O.: Luis Klug vollendete nach Vorlage von Nevio Dietrich seinen Doppelpack - eiskalt, schnörkellos, typisch Eschborn. "Wir trainieren genau solche Situationen", erklärte Gästecoach Yas Sin später stolz. "Und wenn’s klappt, sieht’s fast so aus, als hätten wir Ahnung." In der Nachspielzeit (95.) durfte Union immerhin noch Ergebniskosmetik betreiben. Der junge Stephan Stephan, 21 Jahre alt und offenbar doppelt so motiviert wie sein Namensvetter, traf nach Pass von Billy Cabell zum 2:4-Endstand. "Ein Tor ist ein Trostpflaster, aber immerhin kein leeres Pflaster", meinte er danach mit einem schiefen Lächeln. Die Statistik sprach Bände: 22:6 Torschüsse, 56 Prozent gewonnene Zweikämpfe, leichtes Ballbesitzplus - Eschborn war in jeder Kategorie vorn. Selbst die Aggressivität passte: zwei frühe Gelbe Karten (Sestak, Goncalves) zeigten, dass man notfalls auch mit den Stollen diskutiert. Roter Jan stapfte nach Schlusspfiff wortkarg in die Kabine. "Wir haben heute vieles probiert - leider auch das Falsche", knurrte er, bevor er im Kabinengang verschwand. Yas Sin dagegen grinste in die Mikrofone: "Union hat uns eingeladen, und wir haben höflich alle Geschenke angenommen." Kurz darauf wurde es ruhig im Stadion. Nur ein paar Unentwegte auf der Waldseite sangen trotzig weiter, als könnten sie das Ergebnis noch umstimmen. Doch die Anzeigetafel blieb gnadenlos: 2:4. So nimmt der 1. FC Eschborn drei Punkte mit nach Hessen, während Union Berlin weiter nach seiner Form sucht - vielleicht in der Lost-and-Found-Abteilung der Bundesliga. Und irgendwo in der Kabine, so erzählt man sich, soll ein Berliner Spieler leise gemurmelt haben: "Wir hätten einfach mal anfangen sollen zu spielen." Ein Satz, der alles über diesen Abend sagt. 07.03.643994 09:35 |
Sprücheklopfer
Jetzt stehen die Chancen 50:50 oder gar sogar 60:60.
Rainer Calmund