// Startseite
| Sport-Blick |
| +++ Sportzeitung für Schweiz +++ |
|
|
|
Ein kühler Maiabend, Flutlicht über dem kleinen Stadion in Sarnen, 4164 Zuschauer und die Hoffnung der Heimfans auf ein letztes Aufbäumen ihrer Mannschaft. Doch der FC Ascona hatte andere Pläne - und einen Teenager namens Loris Degano, der in diesem Spiel alles tat, um den Abend für Sarnen unvergesslich zu machen. Leider aus der falschen Perspektive. Mit 0:3 (0:1) ging der FC Sarnen am 33. Spieltag der 4. Liga Schweiz (2. Div) unter - und das trotz fast ausgeglichener Ballbesitzstatistik (47 zu 53 Prozent). Es war kein Spiel der Zahlen, sondern der Wirkung: Ascona schoss 14 Mal auf das Tor, Sarnen ganze zwei Mal. "Wir haben das Spiel kontrolliert, aber die Tore haben gefehlt", murmelte Sarner Trainerassistent Huber nach dem Abpfiff. Offiziell wollte sich Chefcoach - der Name blieb diesmal lieber ungenannt - nicht äußern. Man kann es ihm nicht verdenken. Schon früh zeigte sich, dass Ascona mit einer klar offensiven Ausrichtung gekommen war. Trainer Rainer Zufall - nomen est omen - hatte seine Elf auf Angriff eingestellt. "Wir wollten Sarnen unter Druck setzen, nicht ihnen das Spiel überlassen", erklärte er später mit einem zufriedenen Grinsen. Und tatsächlich: Bereits in der 8. Minute prüfte Pascal Henning den Sarner Keeper Jean Franz mit einem satten Schuss. In der 42. Minute dann das logische 0:1: Der 17-jährige Mike Kluge, frech wie ein Taschendieb, spritzte zwischen zwei Verteidiger, nahm einen verunglückten Rückpass auf und schob eiskalt ein. Sarnens Torhüter Franz stand noch in der Luft, als der Ball schon im Netz zappelte. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", flüsterte er später entschuldigend, während er sich die Handschuhe auszog. Nach der Pause schien Sarnen kurz neue Energie zu finden. Laurent Lamarliere versuchte es mit einem weiten Pass auf Jacques Carter, der in der 59. Minute tatsächlich zum ersten echten Abschluss kam - doch Asconas Torwart Christophe Bonnaire war zur Stelle. Das war’s dann aber auch schon mit Sarner Offensivdrang. In der 63. Minute erhöhte Loris Degano auf 0:2, nach feiner Vorarbeit von Lorenzo Casole Bruzio. Die Kombination war so schnell, dass selbst der Linienrichter kurz überlegte, ob er vielleicht in einem anderen Spiel gelandet war. Degano, gerade einmal 18, grinste danach in Richtung der Ascona-Bank: "Ich hab’s ihm vorher gesagt - wenn Lorenzo den Ball richtig spielt, mach ich ihn rein." Man kann davon ausgehen, dass Lorenzo das gehört hat. Sarnen wirkte danach wie betäubt. Die Pässe kamen entweder zu kurz oder zu weit, die Zweikämpfe gingen verloren - 43 Prozent gewonnene Duelle sprechen Bände. Manchmal schien es, als würde das Heimteam nur noch auf den Abpfiff warten. "Wir wollten ruhig bleiben", erklärte Verteidiger Heinrich Becker, "aber irgendwann schaust du nur noch auf die Uhr." In der Nachspielzeit setzte wieder Degano den Schlusspunkt - und zwar mit Stil. Nach einem Flankenlauf von Roger Erdmann nahm er den Ball direkt und versenkte ihn mit der Selbstverständlichkeit eines Routiniers. 0:3, 92. Minute, und das Publikum begann, leise zu klatschen - für Ascona. Die Sarner Fans hatten ihren Humor nicht verloren, einer rief: "So schießt man Tore, Jungs!" Trainer Zufall ließ sich nach dem Schlusspfiff feiern, umarmte seine jungen Stürmer und erklärte mit einem Augenzwinkern: "Heute hat alles gepasst - sogar mein Nachname." Sarnen dagegen muss sich fragen, wo die Leichtigkeit der letzten Heimspiele geblieben ist. Mit nur zwei Torschüssen und ohne klare Torchance war der Abend ein Rückschritt. Doch immerhin: Die Defensive hielt bis kurz vor der Pause. Und vielleicht war das ja schon ein kleiner moralischer Sieg. Zumindest für die Statistikfreunde bleibt ein Trost: Der Ballbesitz war fast ausgeglichen, die Laufleistung solide. Aber wie sagte einst ein weiser Trainer? "Ballbesitz ist schön - Tore sind schöner." Ascona nimmt also drei verdiente Punkte mit und dürfte sich mit diesem Sieg endgültig aus allen Abstiegssorgen verabschiedet haben. Für Sarnen hingegen bleibt nur die Erkenntnis, dass die schönste Taktik nichts nützt, wenn der Ball nicht ins Tor will. Und irgendwo in der Kabine, zwischen leeren Wasserflaschen und hängenden Köpfen, soll Jean Franz leise gesagt haben: "Nächstes Mal halten wir wenigstens eins." Ein Anfang wäre das. 26.06.644000 13:57 |
Sprücheklopfer
Manchmal spreche ich zuviel.
Lothar Matthäus