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Es war ein Abend, an dem man in Marzahn wieder lernte, was "Herzblutfußball" eigentlich bedeutet: Schweiß, Schreie, Schüsse - und am Ende ein 3:2, das die 24.400 Zuschauer im Stadion zwischen Euphorie und Nervenzusammenbruch pendeln ließ. Der FC Marzahn besiegte den Lüner SV in einem wilden Spiel des 9. Spieltags der 2. Liga, das alles bot außer Langeweile. Schon in der siebten Minute brannte die Luft. Caio Gome, der brasilianischste Deutsche seit Ailton, setzte nach einem Pass von Tove Jepsen zum Volley an und jagte den Ball ins rechte Eck - 1:0! "Ich hab den gar nicht richtig gesehen, der war einfach da", grinste Gome nach dem Spiel, während Trainer Frank Henning daneben trocken anmerkte: "Das war genauso geplant." Niemand glaubte ihm, aber alle lachten. Lünen schüttelte sich kurz, und es dauerte keine 15 Minuten, bis Enrique Maniche seine südliche Eleganz zeigte. Nach Vorlage von Humberto Jorge zirkelte er den Ball in der 22. Minute flach ins lange Eck - der Ausgleich. Ein Tor wie ein Espresso: klein, stark, wachmachend. "Wir wollten zeigen, dass wir Fußball spielen können, nicht nur verteidigen", sagte Lünen-Coach Markus Hering. Und tatsächlich: Seine Elf blieb offensiv, suchte die Lücken, fand aber meist nur Marzahner Beine. Dann kam Serge Berryer, 21 Jahre jung, 90 Minuten Adrenalin im Körper. In der 37. Minute rauschte er nach einem butterweichen Zuspiel von Patrick Moritz in den Strafraum, ließ noch einen Verteidiger aussteigen und schob überlegt ein - 2:1. "Ich hab einfach gemacht, was ich im Training nie hinkrieg’," lachte Berryer, und Henning klopfte ihm auf die Schulter: "Wenn du das öfter machst, bekommst du nächste Woche zwei Ruhetage." Mit dieser knappen Führung ging’s in die Pause. Marzahn hatte bis dahin 54 Prozent Ballbesitz und doppelt so viele Torschüsse (14 zu 8) - Zahlen, die nach Dominanz klangen, aber jeder im Stadion wusste: Lünen war brandgefährlich. Nach der Pause legte Marzahn los wie ein D-Zug mit Koffeinspritze. In der 53. Minute krönte Patrick Moritz seine starke Leistung, als er einen Querpass von Sergi Bischoff direkt nahm und zum 3:1 einschweißte. Das Stadion tobte, die Ersatzbank sprang, und Henning zog genüsslich seine Kappe tiefer ins Gesicht. Doch wer glaubte, das Spiel sei entschieden, hatte die Rechnung ohne Mario Esclapez gemacht - ausgerechnet ein Innenverteidiger. In der 59. Minute stand er nach einer Ecke goldrichtig und köpfte zum 3:2-Anschluss ein. "Ich wollte eigentlich nur den Ball klären", witzelte Esclapez später. Henning dagegen fluchte am Spielfeldrand so laut, dass selbst der vierte Offizielle kurz zusammenzuckte. Die letzten 30 Minuten waren dann ein Lehrstück in Sachen Nervenstärke - oder deren Fehlen. Lünen drückte, Marzahn konterte, und irgendwo zwischen Eric Bissons Grätschen und Tyler Carsleys verzogenen Schüssen lag der pure Wahnsinn. In der 76. Minute prüfte Javier Quaresma den Marzahner Keeper Vicente Domingos mit einem Distanzhammer, der ihm fast die Handschuhe wegbrennen ließ. "Ich hab ihn nicht gesehen, nur gespürt", sagte Domingos nach dem Spiel mit einem Grinsen, das zwischen Stolz und Erleichterung schwankte. Henning reagierte in der 60. Minute taktisch: Gome raus, McGee rein - frische Beine für den Endspurt. Bei Lünen kam kurz darauf Dusko Jelic für den ausgepumpten Jorge, und später der junge Eduardo Gome für den blassen Hanke. Doch das Blatt wendete sich nicht mehr. Als Schiedsrichter Wimmer nach 94 Minuten abpfiff, fiel Henning seinem Co-Trainer um den Hals, während Markus Hering auf der anderen Seite mit einem ironischen Lächeln applaudierte. "Marzahn war heute einfach wilder. Wir haben zu spät verstanden, dass man gegen so eine Mannschaft keine halben Sachen machen darf", bekannte der Lüner Coach fair. Statistisch gesehen war der FC Marzahn die aktivere Mannschaft: 54,6 Prozent Ballbesitz, 14 Torschüsse, eine Zweikampfquote von 53 Prozent - Werte, die den knappen Sieg rechtfertigen. Aber Zahlen erzählen nicht, wie laut 24.400 Kehlen singen, wenn Berryer trifft, oder wie still es wird, wenn Lünen den Pfosten trifft. Und so bleibt von diesem Abend mehr als nur drei Punkte: eine Erinnerung an einen wilden, ehrlichen Fußballabend, bei dem Offensivgeist gegen Effizienz gewann. "Das war kein Spiel für Herzpatienten", seufzte Henning zum Abschied - und grinste dann doch. Vielleicht ist das das schönste Kompliment, das man einem 3:2 machen kann. 12.02.643994 06:03 |
Sprücheklopfer
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