El Diario
+++ Sportzeitung für Bolivien +++

FC Potosi ringt Hercules nieder - 2:1 nach spätem Sturmlauf

Ein lauer Abend in Potosí, 27.000 Zuschauer, dünne Luft und dichte Spannung: Der FC Potosi und Hercules Cochabamba lieferten sich am 14. Spieltag der 1. Liga Boliviens ein Spiel, das in den Lehrbüchern später wohl unter "Wunder der Effizienz" zu finden sein wird. Zwei Torschüsse, zwei Tore - Potosi machte aus fast nichts alles, während Hercules mit zehn Abschlüssen scheiterte, als hätten sie gegen eine Wand gespielt.

Dabei begann alles nach Plan für die Gäste. In der 15. Minute schickte der flinke Oleg Gilewicz einen butterweichen Pass in den Lauf des 20-jährigen Pol Postiga. Der junge Portugiese - oder zumindest einer, der so spielt, als wäre er einer - blieb eiskalt und schob zum 0:1 ein. "Ich dachte, das wird unser Abend", sagte Postiga später, sichtlich fassungslos nach dem Abpfiff. "Dann kam diese zweite Halbzeit…"

Die erste Hälfte gehörte klar Hercules. Offensiv, aggressiv, kurzpassverliebt - Coach Gabriel Chepas hatte seine Jungs auf stürmische Flügelangriffe eingeschworen. Azmi Tzabar prüfte den Potosi-Keeper Romero gleich mehrmals, Anders Carlsson versuchte es aus der zweiten Reihe, und Mirko Mamic ballerte, als gäbe es für jeden Schuss Punkte. Doch das Tor fiel nicht mehr. "Wir hätten zur Pause 3:0 führen müssen", knurrte Chepas. "Aber Fußball ist kein Konjunktivspiel."

FC Potosi dagegen wirkte zunächst, als hätten sie das Memo über die Anstoßzeit verpasst. Ballbesitz? Knapp über 51 Prozent, aber meist quer gespielt. Pressing? Fehlanzeige - laut Statistik gar keines. Trainerstimme? Leider unbekannt, aber man kann sich vorstellen, wie er in der Kabine den Kaffeebecher fester drückte als jeden Ballkontakt seiner Elf.

Dann, in der 68. Minute, geschah das, was eine ganze Stadt wieder atmen ließ. Hermann Böhm - ein Name wie ein deutsches Lehrbuch, ein Pass wie gemalt - steckte den Ball zu Jean Bachellier durch. Der 33-jährige Franzose nahm kurz Maß, schob humorlos ins lange Eck: 1:1. Der Jubel hallte bis in die Minen von Cerro Rico. "Ich wusste, wenn ich einmal Platz bekomme, ist er drin", grinste Bachellier. "Wir hatten heute zwei Chancen. Zum Glück war ich eine davon."

Hercules reagierte mit Wut, warf alles nach vorne. Mamic feuerte noch dreimal, Postiga köpfte knapp vorbei, Tzabar drosch einen Ball auf die Tribüne, der vermutlich jetzt noch unterwegs ist. Doch Potosi blieb ruhig, fast stoisch. Und dann, als schon alle mit einem Unentschieden rechneten, kam die 87. Minute. Der junge Marc Carvalho, 19 Jahre alt, spielte einen Traumpass in die Tiefe. Vicente Sa Pint, der Flügelmann mit dem Temperament eines Vulkans, zog ab - 2:1! Stadionexplosion.

"Ich hab einfach gespürt, dass der Ball zu mir will", sagte Sa Pint lachend. "Und ich wollte ihn auch." Manchmal ist Fußball so einfach.

Hercules bekam noch eine Gelbe für Ricardo Jemez, der kurz darauf so frustriert aussah, als hätte ihm jemand den letzten Empanada geklaut. Noch ein verzweifelter Schuss von Mamic in der 89. Minute, dann war Schluss. Potosi hatte es geschafft - mit 44 Prozent gewonnener Zweikämpfe, aber 100 Prozent Herz.

Trainer Chepas schüttelte nach dem Abpfiff jedem die Hand, auch dem Schiedsrichter, was man ihm hoch anrechnen muss. "Wir haben alles probiert", sagte er, "aber der Ball wollte nicht rein. Vielleicht war er zu schwer für die Höhe."

Auf der anderen Seite jubelten die Potosí-Spieler, als hätten sie gerade den Titel gewonnen. Und vielleicht war es das auch ein bisschen - ein moralischer zumindest. "Wir haben gelernt, dass man auch ohne Ballbesitz glücklich sein kann", witzelte Abwehrveteran Ivar Carlsen, der zuvor Gelb gesehen hatte.

Zwei Torschüsse. Zwei Tore. Ein Sieg, der nach Lehrbuch der Effizienz geschrieben gehört. Und irgendwo in der Umkleide summte Sa Pint angeblich "Don’t stop believing" - was, wenn man den Abend miterlebt hat, gar nicht so kitschig klingt.

Denn wer in Potosí mit leeren Lungen, vollem Herzen und einem Schuss pro Halbzeit gewinnt, der darf ruhig ein bisschen träumen.

18.03.644003 18:40
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