Fréttablaðið
+++ Sportzeitung für Island +++

Fjölnir setzt auf späten Zauber - 2:1 gegen FH Hafnarfjördur

Wenn man in Reykjavik an einem kühlen Juniabend Fußball schaut, dann weiß man: Es kann alles passieren - manchmal sogar Tore. Am 6. Spieltag der 1. Liga Island gewann Fjölnir Reykjavik vor 12.500 gut eingepackten Zuschauern mit 2:1 gegen FH Hafnarfjördur. Es war ein Spiel, das alles hatte: ein Verteidiger als Torschütze, ein Mittelfeldmotor mit Zielsicherheit und ein Finale, das an nordische Sagen erinnerte - nur mit weniger Schwertern, aber ähnlich dramatisch.

Trainer Michael Wright hatte Fjölnir offensiv eingestellt, und das merkte man von Beginn an. Schon nach gut zwanzig Minuten belohnte sich seine Mannschaft: Linksverteidiger Carl Garcia, sonst eher bekannt für rustikale Grätschen als für filigrane Abschlüsse, stand in der 23. Minute goldrichtig. Nach schöner Vorarbeit von Noe Glowacki schlenzte Garcia den Ball ins lange Eck - 1:0! "Ich dachte erst, er wollte flanken", grinste Wright nach dem Spiel. "Aber wenn er das so weiter macht, lasse ich ihn nächste Woche im Sturm spielen."

FH Hafnarfjördur zeigte sich vom Rückstand unbeeindruckt. Jakob Berglund, der auffälligste Mann im weißen Trikot, prüfte den gegnerischen Keeper Bernard Burkhardt mehrfach (5., 32., 51. Minute) - und traf schließlich in der 53. Minute. Nach einem präzisen Zuspiel von Rafael Wilke zog Berglund aus 16 Metern trocken ab. 1:1, und plötzlich drehte der Wind im Stadion merklich. "Wir wussten, dass wir kommen würden", sagte Berglund hinterher mit nordischer Gelassenheit. "Leider sind wir dann auch wieder gegangen."

Denn als alle schon mit einem gerechten Remis rechneten, schlug Fjölnir noch einmal zu. Es lief die 89. Minute, als Noe Glowacki - diesmal selbst Schütze statt Vorbereiter - einen Abpraller elegant ins Netz bugsierte. Ausgerechnet Innenverteidiger Nuno Barbosa hatte den Ball per Kopf in den Strafraum verlängert. "Nuno meinte später, das sei ein geplanter Assist gewesen", lachte Glowacki in der Mixed Zone. "Ich sag mal so: Ich hab’s ihm geglaubt - für fünf Sekunden."

Das Stadion bebte. Die Fans, die schon ihre Mützen tiefer ins Gesicht gezogen hatten, rissen die Arme hoch. 2:1 - und kurz darauf war Schluss. Fjölnir brachte den Sieg über die Zeit, obwohl Barbosa noch Gelb sah (70.) und Hafnarfjördur in den letzten Minuten alles nach vorne warf.

Statistisch hätte das Spiel auch anders ausgehen können: 9 Torschüsse für Fjölnir, 8 für FH - fast Gleichstand. Auch beim Ballbesitz (48,7 zu 51,3 Prozent) lag kein klarer Unterschied. Doch manchmal sind Zahlen eben nur Zahlen. Entscheidend ist, wer in der 89. Minute noch an den Sieg glaubt - und wer schon an den nächsten heißen Tee denkt.

Trainer Wright lobte nach dem Spiel die Moral seiner Mannschaft: "Wir haben nie aufgehört, an uns zu glauben. Und Noe hat sich endlich mal dafür entschieden, aufs Tor zu schießen statt auf den Parkplatz." Auf der anderen Seite wirkte FH-Coach - nennen wir ihn den "Philosophen von Hafnarfjördur" - deutlich ernüchtert: "Wir hatten die Kontrolle, aber uns fehlte die letzte Gier. Vielleicht hätten wir auch einfach mal schießen sollen, statt den Ball schön aussehen zu lassen."

Im Fanblock von Fjölnir stimmten die Anhänger nach dem Abpfiff ein improvisiertes Lied an, das irgendwo zwischen Euphorie und Kälte zitterte. Ein Ordner erzählte lachend: "Ich hab die Jungs selten so laut gehört - und ich arbeite hier seit der Heizungsanlage von 2014."

So steht Fjölnir nach sechs Spieltagen mit breiter Brust da, während FH Hafnarfjördur weiter auf Konstanz hofft. Man darf gespannt sein, ob Berglund und Co. ihre Chancenflut demnächst in Punkte ummünzen.

Und am Ende? Sagte Fjölnir-Verteidiger Garcia beim Hinausgehen, während er sich die Schuhe zuband: "Heute hab ich getroffen, morgen vielleicht wieder nicht. Aber wenigstens frieren wir gemeinsam." Ein Satz, der in Reykjavik wohl als Liebeserklärung an den Fußball durchgeht - und an den Mut, auch als Linksverteidiger mal den Helden zu spielen.

(Etwa 600 Wörter)

25.12.644002 18:40
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