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Ein Fußballabend, an dem sich selbst die Chronisten fragten, ob sie noch mitschreiben oder besser einfach nur staunen sollten. 34.066 Zuschauer im Estadio de Buceo erlebten beim 7. Spieltag der uruguayischen Primera División eine erste Halbzeit, die man getrost als "45 Minuten Wahnsinn" bezeichnen darf. Danach wurde es etwas ruhiger - aber nicht weniger dramatisch. Schon in der 7. Minute setzte Daniel Hernando das erste Ausrufezeichen. Der zentrale Mittelfeldmann von Funebreros Buceo zog nach mustergültigem Zuspiel von Cristobal Blanco aus 18 Metern ab - und der Ball zischte ins linke Eck, als hätte er einen eigenen Willen. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt", grinste Hernando später. "Wenn du zu lange nachdenkst, ist der Ball schon wieder beim Gegner." Doch die Freude der Gastgeber währte ganze zwei Minuten. CD Cerrense konterte mit chirurgischer Präzision: Sean MacPhee, der schottischste aller Uruguayer, flankte butterweich von rechts, und Oscar Anderson drosch die Kugel volley unter die Latte. 1:1 nach neun Minuten - und man hatte das Gefühl, das Spiel wolle den Zuschauern gar keine Zeit zum Atmen lassen. Der Wirbelsturm ging weiter: In Minute 18 stach der junge Duarte Gallardo, gerade mal 22 und offenbar ohne jede Nerven. Nach feinem Doppelpass mit Özer Cora traf er aus spitzem Winkel zum 2:1. Die Tribüne bebte, Bierbecher flogen, jemand schrie "Jetzt wird’s zweistellig!" - was sich als trügerischer Optimismus herausstellen sollte. Denn Cerrense ließ sich nicht beeindrucken. Fünf Minuten später segelte eine Flanke von links in den Strafraum, Funebreros-Keeper Moshe Galili kam zu spät, und Hugo Pacos staubte eiskalt ab. 2:2 - nach 23 Minuten war das Endergebnis bereits geschrieben, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt niemand glauben wollte. "Das war wie ein Tennisspiel ohne Netz", murmelte ein Kollege in der Pressebox, während die Statistikmaschine fieberhaft tippte: 16 Torschüsse für Buceo, 8 für Cerrense. Ballbesitz leicht für die Gäste, 53 zu 47 Prozent - aber das war reine Kosmetik. Hier regierte der Wahnsinn, nicht die Mathematik. Danach - man darf es sagen - beruhigte sich das Geschehen ein wenig. Funebreros’ Trainer (dessen Name in der offiziellen Statistik kurioserweise fehlt, vielleicht war er inkognito unterwegs) gestikulierte wild, aber sein Team blieb offensiv. Christiano Eusebio prüfte den Cerrense-Keeper Yago mehrfach aus der Distanz, während Anderson auf der Gegenseite stets für Gefahr sorgte. "Wenn Oscar läuft, musst du hinterher oder beten", meinte Cerrense-Coach Leahcim Gnipeur trocken nach der Partie. Kurz vor der Pause sah Joshua Rose von Cerrense Gelb, weil er Gallardo an der Eckfahne mehr umarmte als tackelte. In der zweiten Hälfte folgten zwei weitere Verwarnungen gegen Buceo - Eyal Tal und Duarte Capone -, beide Male aus der Kategorie "etwas zu engagiert". Doch der Schiedsrichter blieb konsequent und ließ sich von den 34.000 Kehlen nicht beirren. Die zweite Halbzeit war geprägt von intensiven Zweikämpfen und verpassten Chancen. Hernando zirkelte in der 50. Minute einen Freistoß knapp über die Latte, während Anderson auf der Gegenseite (54.) Galili zu einer Glanzparade zwang. In der 62. Minute donnerte Blanco einen Schuss ans Außennetz, und man hörte das kollektive Aufstöhnen bis zum Hafen. Als in der 92. Minute Buceos Flügelflitzer Fabian Schade verletzt am Boden lag und ausgewechselt werden musste, stand das Stadion kurz still. Ersatzmann Gabri Vico kam herein, während Schade humpelnd und unter Applaus den Platz verließ. "Nur eine Prellung", sagte er später mit schmerzverzerrtem Lächeln. "Aber irgendwie fühlt sich das nach einem Sieg an, auch wenn’s keiner war." Das dachten wohl viele. Denn dieses 2:2 fühlte sich nicht nach Punkteteilung an, sondern nach einem kleinen Fest der Leidenschaft. Zwei Teams, die nicht aufgaben, zwei Halbzeiten voller Energie - und ein Publikum, das wusste, dass Fußball manchmal einfach verrückt sein darf. Trainer Gnipeur von Cerrense brachte es auf den Punkt: "Beide Teams wollten gewinnen, keiner hat’s geschafft - das ist irgendwie poetisch." Vielleicht war es das. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein wunderbarer Fußballabend in Buceo, an dem man wieder einmal sah, warum dieser Sport so süchtig macht. Und wer weiß - beim nächsten Aufeinandertreffen dieser beiden Mannschaften sollte man vielleicht schon nach fünf Minuten alle Tore notieren. Danach wird’s erfahrungsgemäß kompliziert. 27.12.644002 20:47 |
Sprücheklopfer
Die Türken haben gezeigt, dass man, egal bei welchem Spielstand, immer mit ihnen rechnen kann. Das macht sie natürlich unberechenbar.
Jogi Löw