// Startseite
| Tuttosport |
| +++ Sportzeitung für Italien +++ |
|
|
|
Es war ein lauer Sommerabend in Gela, und 43.500 Zuschauer kamen, um Fußball zu sehen - sie bekamen ein Feuerwerk. Der Gastgeber aus Sizilien zerlegte UD Lecce am 4. Spieltag der 1. Liga Italien mit 5:1, und Hauptdarsteller war ein gewisser Pablo Tarrega, der sich an diesem Abend die Schuhe wohl nicht mehr ausziehen wollte - sie brannten zu sehr. Vier Tore erzielte der 32‑jährige Mittelstürmer, eines schöner als das andere. Schon nach fünf Minuten begann das Spektakel. Rechtsaußen Ignacio Barbosa, quirlig wie ein Espresso doppio, legte quer, Tarrega drückte ein - 1:0. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste Trainer Michael Müller später, "aber Pablo hat halt seine eigene Zeitrechnung." Die Freude dauerte exakt 60 Sekunden. Lecce antwortete: Louis Schultz, der erfahrene Spielmacher, traf nach Vorarbeit von Cesare Cosentino aus 20 Metern trocken zum 1:1. "Wir wollten das Spiel offen gestalten", erklärte Gästecoach Giovanni Mirabella mit der Miene eines Mannes, der weiß, dass dieser Satz ins Vereinsarchiv der Ironie eingehen wird. Denn danach spielte nur noch Gela. Tarrega schnürte zwischen der 25. und 36. Minute einen Doppelpack - jeweils auf Vorlage des unermüdlichen Niels Wegener. Erst stocherte er den Ball nach einem Pressschlag über die Linie, dann köpfte er eine butterweiche Flanke ins lange Eck. 3:1 zur Pause, und die Tribünen bebten wie beim Karneval in Palermo. Die Statistik untermauerte den Eindruck: 21 Torschüsse zu 5, 51 Prozent Ballbesitz, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Gela war in allen Belangen vorn. Lecce dagegen wirkte, als hätte man die Defensive auf "Ferienmodus" gestellt. Schon früh verteilten sie Gelbe Karten: Joseba Nene (16.) und Nicolo Di Francesco (32.) griffen zu, wenn das Stellungsspiel versagte. Nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig, außer dass Tarrega noch mehr Spaß hatte. In der 52. Minute machte er sein viertes Tor - natürlich wieder nach einem Pass von Wegener. "Ich hab’ irgendwann aufgehört, zu zählen", witzelte der Mittelfeldmann später, "ich dachte, das wird sonst peinlich." Nur Gelas Außenbahnspieler Julian Martins schien kurzzeitig nervös: Er sah Gelb (53.) und wurde prompt ausgewechselt. "Er hat einfach zu sehr gelebt", kommentierte Coach Müller trocken, als wäre das ein medizinischer Befund. Doch selbst nach dem vierten Treffer hatte Gela noch nicht genug. In der 66. Minute setzte Verteidiger Tahsin Caliskan zu einem irrwitzigen Solo aus der eigenen Hälfte an, flankte punktgenau, und Gawriil Tregubow verwandelte zum 5:1. Das Stadion stand Kopf, und irgendwo auf der Tribüne soll ein Verkäufer seine Eisbox fallen gelassen haben - Schockfrostung inklusive. Lecce wechselte mehrfach, brachte Nowak, Hensley und später Jansen, doch es blieb beim Versuch, das Unvermeidliche zu kaschieren. Torwart Marcio Juarez, der trotz fünf Gegentreffern bester Mann seiner Elf war, schrie nach dem Abpfiff: "Ich brauche Urlaub!" - und man glaubte ihm sofort. In der Schlussphase verwaltete Gela das Ergebnis, verteilte allerdings noch fleißig Gelbe Karten: Wegener (69.), Schlotterbeck (72.) und Barbosa (75.) ließen sich nicht lumpen. "Die Jungs wollten halt nicht, dass der Schiedsrichter sich langweilt", spottete Müller in der Pressekonferenz. Als der Unparteiische schließlich abpfiff, fiel Tarrega seinem Trainer in die Arme. "Vier Tore? Ich hätte auch fünf gemacht, wenn sie mich gelassen hätten", lachte der Stürmer - und man glaubte es ihm. Denn selbst in der 93. Minute feuerte er noch einen Schuss aufs Tor, als wolle er die Anzeigetafel persönlich sprengen. Für UD Lecce bleibt nach diesem Abend nur die Erkenntnis, dass eine defensive Grundordnung nichts nützt, wenn sie nur auf dem Papier steht. "Wir waren zu brav", gab Mirabella zu, "Gela hat uns schwindelig gespielt." Die Fans von Gela sangen noch lange nach Abpfiff, während die Flutlichtmasten über einem Stadion leuchteten, das an diesem Abend Zeuge einer kleinen Fußball‑Orgie wurde. 5:1, viermal Tarrega, ein Team im Rausch - und ein Trainer, der wohl noch im Schlaf "Offensiv!" ruft. Oder, wie ein älterer Zuschauer beim Hinausgehen murmelte: "Wenn das so weitergeht, brauchen die bald ein zweites Netz hinter dem Tor." Ein Spiel wie ein Sommerabend: laut, leicht verrückt und unvergesslich. 23.11.644002 00:15 |
Sprücheklopfer
Die Hitze kann für die deutschen Spieler sogar ein Vorteil sein. An einem Urlaubsort sieht man in der Mittagshitze auch immer nur Deutsche draußen, also kommen wir mit der Temperatur sogar besser zurecht.
Erich Ribbeck