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Hamburger SC siegt knapp - Essingen trifft Latte, Hamburg den Nerv

Es war ein norddeutscher Winterabend, wie er im Buche steht: Nieselregen, Flutlicht, und 25.620 Zuschauer, die sich im Volksparkstadion gegenseitig Mut zusangen. Der Hamburger SC gewann am 24. Spieltag der 2. Liga Deutschland mit 2:1 gegen den tapferen TSV Essingen - ein Spiel, das weniger nach Taktiktafel und mehr nach Nervenstärke roch.

Trainer Bernd Happel hatte vor Anpfiff noch betont, man wolle "nach vorne spielen, aber nicht ins offene Messer laufen". Nach 90 Minuten stand fest: Das Messer war kurz, die Wunde klein, aber der Sieg da.

Hamburg begann offensiv, fast übermütig. Youngster Aaron Cascarino, zarte 18 Jahre alt, nutzte in der 25. Minute den ersten klaren Fehler der Essinger Hintermannschaft. Nach einem zu kurz abgewehrten Ball nahm er Maß - und traf. Der Torjubel klang wie das Aufatmen einer ganzen Kurve. "Ich hab einfach draufgehalten", grinste Cascarino später. "Wenn man nicht zielt, kann man auch nicht danebenschießen."

Doch wer glaubte, Essingen würde sich ergeben, wurde eines Besseren belehrt. Philipp Wiedmanns Mannschaft spielte frech, konterte mutig und wurde belohnt: In der 37. Minute setzte sich Pierre Pelletier auf der rechten Seite durch, bekam den Ball von Lew Bestschastnych in den Lauf und schob abgeklärt ins lange Eck - 1:1. Happel warf kurz die Mütze auf den Boden, um sie gleich wieder aufzusetzen. "Wir hatten die Kontrolle, aber dann schalten die einmal schnell um - das ist halt Essingen", murrte er später.

Die Halbzeitpause brachte frischen Wind und bei Hamburg den Teenager Gerhard Merz (17) für Cascarino. "Mir war ein bisschen kalt", sagte Merz augenzwinkernd, "da wollte ich mich warmspielen." Und tatsächlich, der Junge brachte Bewegung ins Spiel.

Essingen jedoch blieb gefährlich. Stürmer Avraham Aloni prüfte Torwart Marco Ruiz mehrmals, zuletzt in der 62. Minute, als sein Schuss nur Millimeter am Pfosten vorbeischrammte. Der TSV hatte am Ende 14 Torschüsse - vier mehr als Hamburg - und zeitweise das Momentum auf seiner Seite. Doch Fußball ist bekanntlich kein Schönheitswettbewerb.

In der 66. Minute fiel dann das, was man in Hamburg ab sofort "den Stokes-Moment" nennen wird. Rechtsverteidiger Ashton Stokes, normalerweise für die Grätsche zuständig, stürmte nach vorn, bekam den Ball von Philippe Gagnon - und drosch ihn aus 20 Metern ins Netz. "Ich dachte, der Ball sei eigentlich für jemand anderen", lachte Stokes. "Aber wenn er schon zu mir kommt, kann ich ja mal was probieren."

Die letzten 20 Minuten waren ein wilder Tanz aus Chancen, Zweikämpfen und Nervenflattern. Hamburg verteidigte den Vorsprung mit 53 Prozent Ballbesitz, aber deutlich mehr Herzklopfen, als es nötig gewesen wäre. Der eingewechselte Merz scheiterte dreimal in den letzten zehn Minuten knapp - die Kurve hätte ihn trotzdem am liebsten adoptiert.

Essingen blieb bis zur letzten Sekunde gefährlich. In der 90. Minute zog Pierre Pelletier noch einmal ab, doch Ruiz fischte den Ball mit den Fingerspitzen aus dem Winkel. Sekunden später musste Aloni verletzt vom Platz - ein bittere Szene für den besten Mann der Gäste.

Nach dem Schlusspfiff jubelte Hamburg, während Wiedmanns Elf enttäuscht, aber erhobenen Hauptes vom Platz ging. "Wir haben mehr aufs Tor geschossen, aber Fußball ist kein mathematisches Fach", zuckte der Essinger Coach. "Hamburg hatte heute das Quäntchen Glück, das uns fehlte."

Bernd Happel sah das naturgemäß anders: "Die Jungs haben Charakter gezeigt. Wenn du so jung bist und trotzdem cool bleibst, dann hast du das Zeug dazu, in Hamburg zu bestehen."

Ein kurzer Moment der Ruhe folgte, dann ertönte aus der Nordtribüne: "Zweite Liga, wir bleiben hier - aber nicht mehr lange!" Die Fans sangen, die Spieler winkten, und irgendwo in der Mixed Zone zog Happel wieder seine Mütze zurecht.

Am Ende bleibt ein verdienter, wenn auch zitternder 2:1-Sieg für den Hamburger SC - und die Erkenntnis: Jugend kann manchmal unvernünftig, aber erfolgreich sein. Oder, wie Torschütze Stokes es trocken formulierte: "Manchmal ist Mut eben das bessere System."

Und während der Regen langsam aufhörte, schien über dem Stadion kurz so etwas wie Hoffnung auf - oder vielleicht war es doch nur das Flutlicht.

23.10.643987 21:58
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