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Ein Montagabend, Flutlicht, 12.500 Zuschauer im Stadion - und ein CFC Hertha, der sich auf dem eigenen Rasen die Zähne an einem erstaunlich abgezockten TuS Hordel ausbiss. Am Ende stand ein deutliches 1:3 (0:0), das Hertha-Trainer Julian Hummel mit zusammengepressten Lippen kommentierte: "Wir waren am Ball, Hordel war am Tor." Treffender könnte man die 90 Minuten kaum zusammenfassen. Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Hummel ließ seine Mannschaft in gewohnter, ausgewogener 4-3-3-Ausrichtung antreten, während Ute Finkeldy ihre Hordeler in ein offensives Konterkorsett schnürte, das sich als goldrichtig erweisen sollte. Schon in der Anfangsphase zeigte sich: Ballbesitz ist schön, Tore sind schöner. Während Hertha 45 Prozent Ballbesitz sammelte wie Bonuspunkte beim Einkaufen, brachte Hordel 16 Abschlüsse zustande - vier mehr als die Gastgeber und, entscheidender, drei davon im Netz. Die erste Halbzeit war ein taktisches Schachspiel mit viel Bewegung, aber ohne Figurenverlust. Beide Teams tasteten sich ab, Hertha suchte mit Kurzpassspiel den Weg durch die Mitte, Hordel lauerte auf Umschaltmomente. Curt Schöne prüfte Hertha-Keeper Martin Kincl schon nach vier Minuten, der die Faust hochriss, als wolle er gleich einen Boxkampf eröffnen. "Bis zur Pause war das alles unter Kontrolle", seufzte Kincl später, "aber dann kam dieser Fjodor." Gemeint war Fjodor Koroljuk, der bullige Mittelstürmer der Gäste, der in der 57. Minute das Spiel auf den Kopf stellte. Nach einem schnellen Doppelpass über die rechte Seite legte Mateja Anicic quer, Koroljuk nahm den Ball mit der Sohle mit und schob trocken ein - 0:1. Herthas Abwehr stand in diesem Moment so geordnet wie eine offene Schranktür nach dem Tornado. Nur neun Minuten später jedoch flackerte kurz Hoffnung auf: Der erst 17-jährige Joker Kai Haas, gerade erst für den verletzten Thomas Corraface eingewechselt, flankte gefühlvoll von rechts, Luka Feldmann rauschte heran und traf per Direktabnahme zum 1:1. Der Jubel hallte durchs Stadion, und Feldmann rief zum Fanblock: "Jetzt geht’s erst richtig los!" - Leider hatte er recht, aber anders, als er dachte. Denn Hordel antwortete, wie man es von einem Team mit Kontertaktik erwartet: eiskalt. In der 74. Minute war es wieder Koroljuk, der nach Vorarbeit von Tim Pfeiffer den Ball ins lange Eck setzte. Kincl flog zwar, aber mehr der Form halber. Ute Finkeldy, sonst eher die ruhige Strategin, sprang diesmal jubelnd in die Luft. "Wir wollten genau das - Hertha kommen lassen und dann zustechen", erklärte sie nach dem Spiel mit einem zufriedenen Lächeln. Als dann in der 85. Minute Anicic selbst noch das 3:1 markierte - mustergültig vorbereitet von Lennard Rothe -, war der Abend endgültig entschieden. Die Hertha-Fans, die zuvor noch rhythmisch klatschten, schwiegen jetzt so geschlossen, dass man das Rascheln der Trainerjacke Hummels auf der Seitenlinie hören konnte. Die Statistik untermauert, was das Auge sah: Hordel mit 55 Prozent Ballbesitz - ungewöhnlich für ein Konterteam - und effizienteren Abschlüssen. Hertha mühte sich, blieb aber oft zu brav im letzten Drittel. Selbst die Einwechslung des erfahrenen Kurt Wegener brachte keine Stabilität mehr in die Abwehr. Und die Gelbe Karte für Niels Hartmann in der 25. Minute passte ins Bild: viel Engagement, wenig Ertrag. "Wir haben uns selbst geschlagen", knurrte Hummel nach Abpfiff. "Wenn du 12 Mal aufs Tor schießt und nur einmal triffst, brauchst du keine Statistik, sondern Psychologie." Sein Gegenüber Finkeldy grinste nur: "Wir hatten heute Fjodor - das reicht manchmal als System." Koroljuk selbst wollte sich nicht feiern lassen: "Ich hab nur versucht, das zu tun, was Stürmer tun sollen - treffen. Und warm bleiben, es war verdammt kalt." Ein paar Hertha-Fans blieben nach Abpfiff noch auf ihren Sitzen, als hofften sie, der VAR würde das Ergebnis noch umdrehen. Stattdessen drehte sich die Hordeler Mannschaft zum Gästeblock und ließ sich feiern. Drei Punkte auf fremdem Platz, die man sich mit Kompaktheit, Effizienz und einer Prise Balkan-Sturheit verdiente. CFC Hertha dagegen steht nach drei Spieltagen mit nur einem Sieg da und muss sich fragen, wo die Leichtigkeit der Vorsaison geblieben ist. Vielleicht in der Kabine, vielleicht in der Vergangenheit. Oder, wie ein Fan auf der Tribüne trocken meinte: "Die spielen, als wäre der Ball rund, aber das Tor eckig." Ein Satz, den man sich in Hertha-Kreisen wohl noch öfter anhören wird, wenn nicht bald mehr draus wird als Ballbesitz und gute Vorsätze. 02.07.643990 06:01 |
Sprücheklopfer
Wenn ein Tor fällt, können noch mehr fallen. Aber es muss erst mal eins fallen.
Erich Ribbeck