// Startseite
| Football Today |
| +++ Sportzeitung für England +++ |
|
|
|
Es gibt Spiele, die man schnell vergessen möchte. Und dann gibt es das 0:6 von Wimbledon FC gegen die Hull Tigers am 18. Spieltag der 2. Liga England. 16.731 Zuschauer im Cherry Red Records Stadium sahen ein Heimteam, das zwar bemüht war, aber spätestens nach dem dritten Gegentreffer nur noch den Wunsch verspürte, dass die Uhr schneller tickt. Hull dagegen spielte, als habe jemand den Schwierigkeitsgrad auf "leicht" gestellt. Schon nach zwei Minuten war die Partie praktisch entschieden. Ewan Caviness, erst 21 und offenbar mit einem Turbo im linken Fuß gesegnet, traf nach einem Pass von Rechtsverteidiger Christopher Hoskins trocken zum 0:1. Trainer Carsten Schmidt stand da, die Hände in den Taschen, und murmelte etwas, das wie "Nicht schon wieder so früh" klang. Die Tigers hatten Blut geleckt. In der 19. Minute erhöhte der bullige Mittelstürmer Dominique Corey, wieder nach Vorarbeit von Hoskins. Nur vier Minuten später traf Corey erneut - diesmal nach Flanke von Mihai Vladoiu. 0:3 nach 23 Minuten, und die Wimbledon-Abwehr wirkte wie ein schlecht organisierter Betriebsausflug. "Wir wollten eigentlich kompakt stehen", erklärte Schmidt später mit einem gequälten Lächeln. "Aber offenbar hatte meine Mannschaft das mit dem Kompaktsein etwas zu wörtlich genommen - sie standen alle auf einem Fleck." Hull-Coach Mathias Oergel hingegen war bester Laune: "Wir haben von der ersten Minute an das Spiel kontrolliert. Unsere Jungs haben verstanden, dass Fußball auch Spaß machen darf." Spaß - das war das Stichwort des Abends. Die Tigers schossen 18 Mal aufs Tor, Wimbledon ganze zwei Mal. Ballbesitz: 52 zu 48 Prozent - also kein reiner Abwehrkampf, sondern schlicht Klassenunterschied. Nach der Pause wechselte Oergel routiniert, brachte unter anderem Max Lujan und den erfahrenen Lewis Payne. Beide sollten später noch glänzen. Lujan, frisch und spritzig, bereitete das 4:0 in der 70. Minute durch Connor Wiltshire vor. Payne wiederum traf selbst in der 83. Minute, nachdem Billy Chamberlain ihm den Ball mustergültig aufgelegt hatte. "Ich glaube, ich hatte mehr Spaß als in meiner ganzen letzten Saison", grinste Payne nach dem Spiel. "Und ich bin 33 - das will was heißen." Das 6:0 in der 88. Minute war dann fast schon eine Parodie auf das Spielgeschehen: Payne als Vorbereiter, Lujan als Vollstrecker. Die Wimbledon-Fans hatten zu diesem Zeitpunkt längst aufgehört zu pfeifen - die meisten applaudierten ironisch, als Zeichen von Galgenhumor. Zwischenzeitlich hatte Wimbledons Innenverteidiger Carlos Domingo versucht, zumindest kämpferisch ein Zeichen zu setzen. Erst Gelb in der 63. Minute, dann Gelb-Rot in der 77. - eine Bilanz, die man wohlwollend als "engagiert" beschreiben könnte. "Ich wollte nur zeigen, dass wir noch da sind", sagte der 18-Jährige später. "Leider war ich dann nicht mehr da." Sein Trainer wollte ihm keinen Vorwurf machen: "Er ist jung, er hat Herz. Nur leider manchmal mehr Herz als Timing." Die Hull Tigers dagegen spielten ihren Stiefel souverän zu Ende. Selbst die gelbe Karte für Innenverteidiger Christopher Lujan in der 76. konnte die gute Laune nicht trüben. Während Oergel an der Seitenlinie mit verschränkten Armen das Geschehen beobachtete, rief ein Fan von der Tribüne: "Mathias, gönn denen doch eins!" - Oergel grinste nur und antwortete: "Ich gönn ihnen den Schlusspfiff." Statistisch gesehen war das Ergebnis fast logisch: 18 Torschüsse zu 2, eine Zweikampfquote von 58 Prozent und eine Mannschaft, die in jedem Moment an sich glaubte. Wimbledon dagegen blieb blass - die beiden Schüsse aufs Tor (Bailey Gunn in der 36. und Louis Millington in der 64.) waren mehr höfliche Anfragen als echte Chancen. Nach dem Spiel herrschte eine fast surreale Stimmung. Die Hull-Spieler feierten ausgelassen, während die Wimbledon-Profis sich in den Kabinengang schlichen. Nur Torwart John Willoughby blieb kurz stehen, klopfte Caviness auf die Schulter und sagte: "Respekt, Junge. Aber das nächste Mal darfst du’s mir ruhig ein bisschen schwerer machen." Ein Lächeln huschte über Caviness’ Gesicht. "Ich geb mein Bestes, Sir." So endete ein Abend, der für Hull Tigers als Gala in Erinnerung bleiben wird - und für Wimbledon FC als Lehrstunde. Oder, wie ein Fan auf dem Heimweg seufzte: "Wir wollten eigentlich Fußball sehen. Bekommen haben wir eine Demonstration." Und wer weiß - vielleicht war dieses 0:6 ja der nötige Weckruf. Carsten Schmidt verabschiedete sich jedenfalls mit den Worten: "Nächste Woche spielen wir nicht gegen einen Tiger. Das ist doch schon mal was." 04.01.644000 18:41 |
Sprücheklopfer
Wir spielen hinten Mann gegen Mann, und ich spiel gegen den Mann.
Olaf Thon