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Das Stadion in Wrexham war mit 29.207 Zuschauern gut gefüllt, es roch nach Hoffnung, Bratwurst und ein bisschen Nervosität - und nach 45 Minuten auch nach verbrannten Drachenflügeln. Mit einem 0:3 (0:3) wurde der vierte Spieltag der 2. Liga England für die heimischen Wrexham Dragons zu einer Lehrstunde in Sachen Effizienz, Schnelligkeit und, ja, auch Demütigung. Die Gäste aus Hull kamen, sahen und schossen - und das nicht zu knapp: 20 Torschüsse, drei Tore und ein Stürmer namens Max Lujan, der den Dragons-Albtraum höchstpersönlich schrieb. Zwei Treffer (20. und 32. Minute), ein Assist - es war ein Abend, an dem der 28-Jährige alles traf, nur nicht den Pfosten. "Ich hab’ einfach Spaß gehabt", grinste Lujan nach Abpfiff, als wäre Fußball ein Freizeitpark. "Wenn du merkst, dass der Gegner dich nicht stoppen kann, denkst du irgendwann: Warum aufhören?" Trainer Mathias Oergel von den Tigers nickte zufrieden. "Wir wollten aggressiv, aber kontrolliert spielen - also quasi wie eine Katze, die mit der Maus spielt", meinte er und verschränkte die Arme, während sein Gegenüber Viktor Kazyrow in der Ferne auf den Rasen starrte, als suche er dort seine Abwehrlinie. Dabei hatte Wrexham gar keinen schlechten Start. In den ersten 15 Minuten hielten sie das Spiel offen, Thomas Anderson prüfte Hull-Keeper Joel Eliot (16.), Filipe Conceicao schickte eine Flanke so scharf wie ein Rasiermesser durch den Strafraum (23.). Doch dann kam Lujan - und mit ihm der Umschwung. Nach 20 Minuten stürmte er über die linke Seite, ließ Rivilla und Konowalenko stehen, schob den Ball mit der Innenseite ins lange Eck. 0:1. Zehn Minuten später legte er quer auf Billy Chamberlain, der trocken ins rechte Eck vollendete (28.). Es war einer dieser Momente, in denen man die Heimfans sagen hörte: "Das fängt ja gut an…" Und als Lujan in der 32. Minute erneut zuschlug - nach feiner Vorarbeit des 18-jährigen George Burton - war die Messe gelesen. Dreimal hatten die Tigers zugestochen, dreimal hatte Wrexham kollektiv die Orientierung verloren. "Wir wussten gar nicht, wo der Ball war", gab Innenverteidiger Jaime Rivilla ehrlich zu. "Vielleicht sollten wir ihn mal mit GPS markieren." Die zweite Halbzeit verlief dann wie ein Theaterstück, das längst entschieden war, aber trotzdem weitergespielt werden musste. Hull nahm das Tempo raus, brachte gleich drei 18-Jährige zur Pause - darunter Torwart Luke Almond und die Nachwuchs-Verteidiger Ethan Warriner und Kian Darabont. "Wir wollten sehen, ob sie auch mal Gras fressen können", lachte Oergel. Und siehe da: Sie konnten. Wrexham hingegen kämpfte, als ginge es um die Ehre, und immerhin: Das 0:3 blieb ihnen als Endstand erhalten. Anderson und der eingewechselte Billy Neville versuchten es noch mit ein paar Distanzschüssen (80., 95.), doch Hulls Defensive stand stabil wie ein englischer Pub kurz vor Sperrstunde. Torhüter Almond durfte sich zum Debüt sogar über ein "clean sheet" freuen - oder wie sein Mitspieler Connor Wiltshire es nannte: "Der Junge hat in 45 Minuten mehr Ruhe ausgestrahlt als ich in meiner ganzen Karriere." Statistisch gesehen war’s kein Klassenunterschied, aber ein Effizienz-Lehrstück: 47 Prozent Ballbesitz für Wrexham, 53 für Hull - doch während die Dragons fünfmal aufs Tor zielten und dabei eher den Torhüter warm schossen, feuerte Hull zwanzigmal und traf dreimal ins Glück. Trainer Kazyrow fasste es nachdenklich zusammen: "Wir wollten defensiv kompakt stehen. Jetzt wissen wir, dass Kompaktheit ohne Bewegung auch Stillstand ist." Dann lächelte er gequält und fügte hinzu: "Immerhin haben wir keine vier bekommen." Die Fans verabschiedeten ihr Team mit höflichem Applaus - vielleicht aus Mitleid, vielleicht aus Trotz. Auf den Rängen rief ein Junge seinem Vater zu: "Papa, wann atmen die Tigers wieder Feuer?" Der Vater schüttelte den Kopf. "Die atmen heute höchstens Katzenminze." Und so endete ein Abend, an dem Hulls Raubtiere ihre Krallen zeigten und Wrexhams Drachen bestenfalls Funken sprühten. Wenn man etwas Positives sucht: Es kann kaum schlimmer werden. Und wer weiß - vielleicht hat Viktor Kazyrow ja bis zum nächsten Spieltag auch ein Rezept gegen Lujan-Albträume gefunden. Denn eines ist sicher: Die Tigers schlafen heute gut. Die Dragons vermutlich nicht. 26.04.643997 00:25 |
Sprücheklopfer
Wir wollen uns von Spiel zu Spiel konzentrieren und die Tordifferenz verringern.
Christoph Daum