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Es war einer dieser Abende im Hennefer Stadion, an denen sich 15.484 Zuschauer fragten, ob der Fußballgott noch rechtzeitig den Weg ins Siegtal findet. 87 Minuten lang sah es nach einem jener torlosen Duelle aus, die Trainer mit "stabiler Defensivleistung" schönreden und Fans mit einem tiefen Seufzer quittieren. Doch dann kam Jean-Pierre Kaufmann. Der 32-jährige Linksaußen des SC Hennef hatte offenbar beschlossen, das Drehbuch umzuschreiben - und das in Großbuchstaben. In der 88. Minute fasste sich Kaufmann nach einem feinen Zuspiel von Christian Zeni ein Herz, zog von links in den Strafraum und schlenzte den Ball mit so viel Gefühl ins lange Eck, dass man fast Mitleid mit Godesbergs Keeper Edvard Bruhn haben musste. 1:0 - das Stadion explodierte, und selbst Trainer Giovanni Diaco sprang an der Seitenlinie höher als seine Stürmer beim Kopfballtraining. "Ich hatte schon angefangen, innerlich das 0:0 zu akzeptieren", grinste Diaco später. "Aber Jean-Pierre hat wohl andere Pläne gehabt." Bis zu diesem Moment war das Spiel eine zähe Angelegenheit. Hennef hatte mit 52 Prozent Ballbesitz zwar optisch mehr vom Spiel, doch die Angriffsbemühungen erinnerten eher an einen Sonntagsausflug als an einen stürmischen Heimauftritt. Zehn Torschüsse standen am Ende auf dem Konto der Gastgeber, doppelt so viele wie beim FC Godesberg, der jedoch in den entscheidenden Momenten erstaunlich harmlos blieb. Der junge Dominique Hayman hatte früh drei gute Gelegenheiten (16., 26., 29.), scheiterte aber entweder an Bruhn oder an der eigenen Zielstrebigkeit. "Ich treffe im Training alles - Latte, Pfosten, Ballfangzaun", witzelte Hayman nach dem Spiel. "Heute halt nur nicht das Tor." Godesberg, trainiert von Rafael Nadal - ja, genau der, der sonst auf Sandplätzen glänzt - versuchte, mit einem ausgewogenen Offensivspiel zu kontern. Doch was sich in der Theorie nach Balance anhörte, war auf dem Rasen meist ein vorsichtiges Herantasten. Der 18-jährige Rechtsverteidiger Samuel Lester hatte gleich in der 2. Minute den ersten Warnschuss abgegeben, der jedoch so weit drüberging, dass der Ball wohl noch immer gesucht wird. In der zweiten Halbzeit wurde die Partie ruppiger. Godesbergs Alois Nedved sah in der 63. Minute Gelb, Hennefs Innenverteidiger Pau Alcantara zog in der 85. nach - beide Karten eher das Ergebnis hitziger Diskussionen als grober Fouls. "Das war doch kein Gelb, das war Leidenschaft!", beschwerte sich Alcantara nach Abpfiff mit einem Augenzwinkern. Die taktische Grundordnung beider Teams blieb über 90 Minuten erstaunlich konservativ: Hennef spielte diszipliniert über die Flügel, während Godesberg versuchte, mit langen Pässen und gelegentlichem Pressing Nadelstiche zu setzen. Die Zuschauer sahen mehr Laufarbeit als Glanzmomente, aber wenigstens keine Langeweile - dafür sorgten die Emotionen auf und neben dem Platz. Die Schlüsselszene des Spiels kam, als der eingewechselte Raul Gelmirez auf der linken Seite Fahrt aufnahm, den Ball zu Zeni durchsteckte, der wiederum Kaufmann bediente. Der Rest war Routine eines alten Hasen. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Kaufmann bescheiden. "Wenn du in der 88. Minute noch Luft hast, musst du sie nutzen." Nach dem Abpfiff feierten die Hennefer Spieler den knappen Sieg wie einen Pokaltriumph. Diaco ließ sich von seinen Jungs in die Luft werfen, während Godesbergs Coach Nadal die Hände in die Taschen steckte und mit einem Lächeln meinte: "Wir haben gespielt, als wäre der Platz ein Tennis-Court - viel Ballwechsel, aber kein Punkt." Statistisch gesehen war Hennef die etwas aktivere Mannschaft - mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, bessere Zweikampfquote (54 Prozent). Doch das Spiel blieb bis zum Schluss auf der Kippe. Erst Kaufmanns Spätkunst verschaffte den Gastgebern drei Punkte, die sie im Rennen um die oberen Tabellenregionen dringend brauchten. Beim Verlassen des Stadions hörte man einen älteren Hennef-Fan sagen: "Ich hatte schon meinen Mantel zu, da fällt das Tor. Nächstes Mal bleib ich bis zur Nachspielzeit - man weiß ja nie." Und wie zur Antwort rief ein anderer: "Das ist unser Hennef - spät, aber herzlich!" So endete ein Abend, der taktisch unspektakulär, emotional aber groß war. Ein Sieg der Geduld, der Routine und eines Mannes, der auch mit 32 noch weiß, wann man den Ball besser küsst als drischt. Und falls Giovanni Diaco diesen Bericht liest: Nein, Coach, das war kein Zufallstreffer. Das war reife Fußballkunst - und eine Liebeserklärung an den späten Moment. 09.12.643987 04:10 |
Sprücheklopfer
Die Türken haben gezeigt, dass man, egal bei welchem Spielstand, immer mit ihnen rechnen kann. Das macht sie natürlich unberechenbar.
Jogi Löw