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Es war einer jener Abende, an denen man im Stadion alles sieht - außer einem Tor. 47.342 Zuschauer erlebten im ausverkauften Carmel-Stadion ein 0:0, das in Sachen Spannung einem Thriller glich - nur dass der Täter nie auftauchte. Tirat Carmel FC und die Rehovot Reds trennten sich torlos, aber keineswegs emotionslos. Von der ersten Minute an machte das Team von Trainerin Babsi Klemm klar, wer hier das Sagen haben wollte. Offensiv, aggressiv, mit Pressing - das Taktikbrett glühte. Schon in der fünften Minute prüfte Isidoro Oliveira den Gästekeeper Manuel Izquierdo zum ersten Mal. Und das sollte nur der Auftakt zu einem Dauerbeschuss werden. 20 Torschüsse verzeichnete Carmel am Ende - gegen einen einzigen Versuch der Reds. Das sind Werte, bei denen selbst Statistikfreunde nervös zu kichern beginnen. Doch Tore? Fehlanzeige. Oliveira, Frans Dahl, Bram Sleeper - sie alle reihten sich ein in die Ehrenliste der knapp Gescheiterten. Der Ball wollte einfach nicht über die Linie. Mal rettete Izquierdo mit den Fingerspitzen, mal die Latte, mal der eigene Innenverteidiger Gerd Laursen - der sich in der 44. Minute prompt Gelb abholte, wohl aus purer Erleichterung, dass der Druck endlich kurz nachließ. "Ich dachte irgendwann, das Tor hat heute frei", knurrte Oliveira nach Abpfiff, das Trikot durchgeschwitzt, der Blick leer. "Wir hätten bis Mitternacht spielen können, das Ding wäre nicht reingegangen." Tatsächlich wirkte es, als hätte Tirat Carmel ein Abo auf Beinahe-Momente. Schon nach einer Viertelstunde hatte Klemm an der Seitenlinie die Arme in die Hüften gestemmt - und blieb 75 Minuten lang in dieser Pose. "Wir haben alles richtig gemacht - außer den Ball ins Tor zu schießen", sagte sie hinterher trocken. "Vielleicht sollte ich beim nächsten Training kleinere Tore aufstellen - damit die Jungs sich wieder trauen, zu treffen." Die Rehovot Reds dagegen waren so defensiv eingestellt, dass man sich fragte, ob sie überhaupt den Mittelkreis kannten. 55 Prozent Ballbesitz täuschen: Die meiste Zeit schoben sie die Kugel quer, als wollten sie sie vor den gefährlichen Carmel-Stürmern verstecken. Einziger echter Abschluss: ein Versuch der 17-jährigen Tzipi Bar-Lew in der 69. Minute - der Ball segelte Richtung Parkplatz. "Wir haben unseren Plan umgesetzt", erklärte Reds-Trainer Assistent (der Chefcoach hatte sich angeblich "leicht erkältet" abgemeldet) mit todernster Miene. "Kein Gegentor - Mission erfüllt." Man könnte es auch so sagen: Rehovot kam, sah und mauerte. In der zweiten Halbzeit drehte Carmel weiter auf. Klemm brachte Claude Gaudin für den erschöpften Oliveira, doch auch der traf nur die Nerven der Fans, nicht das Tor. Sleeper versuchte es aus der Distanz (88. Minute), Dalgaard kassierte Gelb (58.), und als Ansgar Henriksson kurz vor Schluss (82.) glatt Rot sah, war das Drama endgültig komplett. "Das war keine böse Aktion", verteidigte ihn Kapitän Jovanovic. "Er wollte nur zeigen, dass er noch da ist." Die Schiedsrichterin sah das anders - und schickte ihn frühzeitig unter die Dusche. Am Ende blieb es beim 0:0, einem jener Ergebnisse, die in der Tabelle kaum Spuren hinterlassen, in den Köpfen der Fans aber noch lange rattern. 20 Schüsse, kein Treffer - das ist schon fast Kunst. "Wir haben uns selbst geschlagen, ohne ein Tor zu kassieren", fasste Klemm das Paradoxon des Abends zusammen. "Wenn Fußball ein Geduldsspiel wäre, hätten wir gewonnen." Während die Reds jubelnd in den Mannschaftsbus stiegen - vermutlich aus purer Erleichterung - blieb Klemm noch lange auf dem Rasen stehen. Neben ihr lag ein Ball, der all die vergebenen Chancen symbolisierte. "Wir werden es nächste Woche besser machen", murmelte sie, "vielleicht." Fazit: Ein torloses Spektakel, das in die Kategorie "wie konnte das passieren?" fällt. Tirat Carmel FC dominierte nach Belieben, spielte kraftvoll, leidenschaftlich, manchmal zu wild - und scheiterte an sich selbst. Die Reds dagegen dürfen sich glücklich schätzen, dass Fußball keine Schönheitswertung kennt. Oder, wie es ein Fan auf der Tribüne formulierte: "Wir sind gekommen, um Tore zu sehen - stattdessen haben wir eine Abhandlung über Tragödie erlebt." Und so ging ein langer Abend am Mittelmeer zu Ende, ohne Treffer, aber mit reichlich Gesprächsstoff. In Tirat Carmel wird man sich noch lange an dieses 0:0 erinnern - als das Spiel, in dem alles stimmte. Außer das Ergebnis. 22.10.643996 20:22 |
Sprücheklopfer
Mit David Odonkor will ich mich dennoch nicht messen. Fußball ist nicht nur rennen, da ist auch der Ball dabei. Und es ist wichtig, dass man den trifft.
Michael Ballack