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Wenn 46.786 Zuschauer an einem Montagabend in Kiryat Shmona ihr Bier verschütten, dann hat das meistens einen guten Grund. Diesmal hieß der Grund schlicht: 3:2. Ein Ergebnis, das nüchtern klingt, aber eine Partie beschreibt, die alles andere als nüchtern war. Fünf Tore, ein wackelnder Innenverteidiger, eine gelbe Karte für denselben, ein verletzter Flügelspieler und ein Trainer, der nach dem Schlusspfiff fast den Rasen geküsst hätte. Willkommen beim 15. Spieltag der 1. Liga Israel - Kiryat Shmona FC gegen Tirat Carmel FC. Die Partie begann so, wie man sie bei dieser Paarung erwartet: laut, wild und ohne erkennbaren Respekt vor defensiven Konzepten. Schon in der 14. Minute nagelte Isidoro Oliveira, der bullige Mittelstürmer aus Brasilien, den Ball nach Vorarbeit von Espen Brinkerhoff unter die Latte. "Ich wollte eigentlich flanken", grinste Brinkerhoff später, "aber Isidoro hat beschlossen, dass das ein Torschuss war." Doch kaum hatten die Gäste aus Tirat Carmel ihren Torjubel beendet, da rappelte es auf der anderen Seite. Nur eine Minute später köpfte Innenverteidiger Inigo Ze Castro nach einer Ecke zum 1:1 ein. "Ich hatte noch die Schuhe falsch herum an", witzelte der 20-Jährige, "aber der Ball wollte unbedingt rein." Der Ausgleich war verdient - Kiryat Shmona hatte sich ohnehin nicht als Gastgeber zum Tee eingeladen, sondern zum Torebacken. Kaum fünf Minuten später wiederholte sich das Chaos in der Defensive: Tirat Caramels linker Flügel, Rahim Erkin, brach in der 19. Minute durch und schob eiskalt ein. 2:1 für die Gäste - und die Heimfans rieben sich die Augen. Doch nur drei Minuten später tat es ihnen Pim Bushnell gleich, der junge Linksaußen der Nordisraelis. Nach einem feinen Pass von Stanko Krupnikovic versenkte er den Ball zum 2:2. 22 Minuten gespielt - vier Tore. Wer zu spät kam, konnte sich das restliche Spiel eigentlich sparen. Kurz darauf sah Ze Castro Gelb, wohl um wenigstens ein bisschen Farbe in den Bericht des Schiedsrichters zu bringen. Und während der erste Durchgang weiter von Chancen hüben wie drüben geprägt war (13 Schüsse für Kiryat Shmona, 10 für Tirat Carmel), blieb das Ergebnis bis zur Pause beim 2:2. "Ich hab’ in der Kabine nur gesagt: Jungs, ihr müsst euch entscheiden, ob ihr tanzen oder verteidigen wollt", erzählte Heimtrainer Ivan Murganovic nach dem Spiel. Offenbar entschieden sie sich für beides. Denn nach der Pause erhöhte Kiryat Shmona das Tempo. Zwar musste Krupnikovic in der 52. Minute verletzt raus - "nichts Schlimmes, nur der Stolz", scherzte der Coach - doch in der 61. Minute fiel das Tor, das alles entschied: Salvador Godinez, der zentrale Mittelfeldspieler mit der Ruhe eines Schachgroßmeisters, schlenzte den Ball aus 20 Metern in die rechte Ecke. 3:2. Danach wurde es hitzig. Tirat Carmel, von Trainerin Babsi Klemm mit "mehr Flügeln als ein Vogelpark" ausgestattet, warf alles nach vorne. Oliveira prüfte Keeper Koenraad Breed mehrfach, Rahim Erkin schoss aus allen Lagen (vier Torschüsse allein nach der Pause!), doch der Ball wollte nicht mehr rein. "Wir hätten noch zwei Tore verdient gehabt - aber Fußball verdient selten Gerechtigkeit", meinte Klemm nachdenklich. In der Schlussphase zog sich Kiryat Shmona tief zurück, wechselte noch den 18-jährigen Sean Lockhart ein, der prompt in der Nachspielzeit den letzten Ball aus der Gefahrenzone drosch. Die Zuschauer feierten jeden Befreiungsschlag, als ginge es um den Meistertitel. Als der Schlusspfiff kam, fiel Murganovic seinem Co-Trainer in die Arme und brüllte: "So spielt man Herzinfarkt-Fußball!" Statistisch war das Spiel fast ausgeglichen: 49,9 Prozent Ballbesitz für die Hausherren, 50,1 für die Gäste. Doch die Effizienz entschied. Godinez’ Treffer war letztlich der Moment, in dem Zahlen zu Emotionen wurden. "Ich hab’ nur geschossen, weil niemand anderes wollte", grinste der Matchwinner. Und am Ende fasste es ein Fan auf der Tribüne perfekt zusammen, als er in Richtung des gegnerischen Blocks rief: "Danke fürs Mitspielen - nächstes Mal vielleicht mit Verteidigung!" Ein wildes, ehrliches Fußballspiel, das zeigte, dass Statistik zwar gut für die Tabellen ist, aber nicht für das Herz. Kiryat Shmona gewinnt 3:2 gegen Tirat Carmel - und ganz Israel hat wieder Gesprächsstoff bis zum nächsten Montag. Schlusswort: Wenn jede Partie so wäre, würden Sportreporter nie Urlaub brauchen. Nur vielleicht stärkere Nerven. 22.04.643994 11:32 |
Sprücheklopfer
Ich habe noch in der 90. Minute ein Kopfball-Duell im eigenen Strafraum gewonnen. Und so ein Mann wird nicht zur WM mitgenommen.
Mario Basler