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Klingenbach verspielt frühe Führung - Graz entführt Punkt in turbulenter Partie

Ein lauer Frühlingsabend, 38.516 Zuschauer im mitreißend lauten Stadion von Klingenbach und zwei Teams, die sich nichts schenkten: Das 2:2 (2:1) zwischen Klingenbach und Rot-Weiß Graz am 7. Spieltag der 1. Liga Österreich war ein Fußballabend, bei dem statistisch fast alles ausgeglichen war - und emotional sowieso.

Klingenbach begann mit offenem Visier, wie es Trainer Markus Herrmann später süffisant formulierte: "Wir wollten Graz gleich zeigen, wo der Hammer hängt - und vielleicht auch, dass wir ihn bedienen können." Und tatsächlich: Schon in der 8. Minute klingelte es im Tor von Inigo Ibano. Niels Blum, der flinke Linksaußen mit der Vorliebe für riskante Frisuren, verwertete eine Vorlage von Joel Voss trocken ins Eck. Das Stadion jubelte, als wäre der Titel schon sicher.

Nur sieben Minuten später folgte der zweite Streich. Tomasz Schöne, 23 Jahre jung und offenbar ohne Nerven, traf nach einem energischen Solo zum 2:0. "Ich hab gar nicht nachgedacht", grinste Schöne hinterher. "Vielleicht war das mein Vorteil - sonst hätte ich den wohl drübergehauen."

Doch Graz wäre nicht Graz, wenn sie sich so einfach abschießen ließen. Coach Carsten Krause, der schon an der Seitenlinie ununterbrochen gestikulierte, fand in der 34. Minute seine Belohnung: Jay Thackeray, der englische Linksaußen mit der Präzision eines Uhrmachers, verkürzte nach feinem Zuspiel von Alex Arino auf 2:1. "Wir wussten, dass Klingenbach in der Rückwärtsbewegung manchmal lieber Selfies macht als Zweikämpfe", witzelte Krause später.

Mit dem knappen Vorsprung ging es in die Pause. Die statistische Halbzeitbilanz: Klingenbach 52 Prozent Ballbesitz, 8:9 Torschüsse - und gefühlt drei Liter mehr Adrenalin.

In der zweiten Hälfte drehte Graz auf, wie ein Team, das sich an sein Selbstverständnis erinnert hatte. Fernando Dominguez, der rechte Flügelstürmer mit spanischem Feuer, nagelte in der 73. Minute den Ball unter die Latte. 2:2 - und plötzlich war das Stadion stiller als die Bibliothek von Linz. "Ich hab gesehen, dass Berg den Ball quer bringt, und dachte: Na gut, dann machen wir’s halt selbst", erklärte Dominguez trocken.

Was folgte, war ein Schlagabtausch, der jedem Boxkampf Ehre gemacht hätte. Chancen hüben wie drüben: Schöne schoss noch dreimal aufs Tor (68., 74., 78.), Dominguez prüfte den Klingenbacher Keeper Volker Stoll in der 89. und 95. Minute - und irgendwo dazwischen bekam Graz’ Innenverteidiger Philipp Berg in der Nachspielzeit noch eine Gelbe Karte, weil er offenbar dachte, dass Trikotziehen olympisch sei.

"Das war ein Spiel, das man nicht verliert, aber auch nicht gewinnt", seufzte Klingenbachs Coach Herrmann nach Abpfiff und bediente sich eines Klassikers. "Wir hätten den Sack zumachen müssen - aber wir haben lieber noch mal reingeschaut, ob wirklich alles drin ist."

Krause hingegen war zufrieden: "Ein Punkt auswärts in Klingenbach - das nimmt man mit, auch wenn’s am Anfang wehgetan hat. Die Jungs haben Charakter gezeigt." Und tatsächlich, Graz war in der zweiten Hälfte das aktivere Team, mit 17 Torschüssen gegenüber 14 der Gastgeber. Die Zweikampfquote sprach mit 51 zu 49 Prozent ebenfalls knapp für die Gäste.

Ein besonderes Lob verdiente sich Klingenbachs Torwart Stoll, der in der 62. Minute mit einem Reflex gegen Thackeray das sichere 2:3 verhinderte. "Ich hab einfach den Arm hochgerissen - manchmal hilft beten", lachte Stoll später in der Mixed Zone.

Das Publikum verabschiedete beide Teams mit Applaus. Ein Unentschieden, das sich für Graz wie ein Sieg und für Klingenbach wie eine verpasste Chance anfühlte.

Und irgendwo zwischen Frust und Erleichterung sagte ein älterer Fan im Klingenbacher Trikot beim Hinausgehen: "Wenn wir so weiter spielen, dann werden wir zwar nicht Meister - aber langweilig wird’s wenigstens nicht."

Ein Satz, den Markus Herrmann vermutlich sofort unterschreiben würde.

Denn so wie seine Mannschaft an diesem Abend spielte - offensiv, mutig, aber manchmal zu verspielt - war klar: In Klingenbach wird kein Fußball gearbeitet, hier wird er gelebt. Und manchmal eben auch verschenkt.

Endstand: Klingenbach - Rot-Weiß Graz 2:2 (2:1). Tore: Blum (8.), Schöne (15.) - Thackeray (34.), Dominguez (73.). Zuschauer: 38.516. Schiedsrichter: unauffällig, und das ist bekanntlich das größte Lob.

30.05.643997 18:58
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