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Es war ein Abend, der in Hordel wohl noch lange Gesprächsstoff liefern wird - vor allem in der 120. Minute, als Ernst Kunkel, der sonst eher durch seine Frisur als durch Tore auffällt, den Ball endlich über die Linie brachte. 1:0 nach Verlängerung gegen den BV Cloppenburg - ein Ergebnis, das nüchtern klingt, aber mit 23 Torschüssen und einer ordentlichen Portion Verzweiflung erarbeitet wurde. "Ich hab den Ball einfach voll erwischt. Eigentlich wollte ich flanken, aber dann hab ich’s mir anders überlegt", grinste Kunkel nach der Partie, während Trainerin Ute Finkeldy am Spielfeldrand tief durchatmete. "Ich glaube, ich habe in diesen 120 Minuten zehn Jahre gealtert. Wir hätten das schon in der ersten Halbzeit klarmachen müssen." Damit hatte sie nicht Unrecht. Hordel begann offensiv wie angekündigt und schoss aus allen Lagen - Tim Pfeiffer und Fjodor Koroljuk versuchten es im Minutentakt, doch Cloppenburgs Keeper Paul Ebert mutierte zum menschlichen Schutzschild. Ob Kopf, Ellenbogen oder Schuhsohle - Ebert war immer da, wo der Ball hinflog. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", meinte er trocken, "nach dem 15. Schuss war’s eh egal." Cloppenburg selbst? Nun ja, sie hatten einen Torschuss. Einen. In Worten: einen. Arnau Cunha versuchte es in der 75. Minute, vielleicht aus Mitleid mit den Statistikern. Der Ball ging immerhin aufs Tor, und Hordels Keeper Jacob Montgomery durfte sich auch mal die Handschuhe schmutzig machen. Ansonsten verteidigte Cloppenburg kompakt, fast schon meditativ. Der Ballbesitz von 42 Prozent täuscht: Meist standen sie mit elf Mann tief in der eigenen Hälfte, als wollten sie das Heil in der inneren Ruhe suchen. Gelbe Karten sammelten sie trotzdem - Bushnell (33.), Graf (53.) und Callahan (98.) zeigten, dass man auch ohne Ballbesitz mal hinlangen kann. Hordel dagegen kombinierte, flankte, drosch und haderte. Pfeiffer schoss in der 85. Minute freistehend drüber, Valente setzte kurz darauf den Ball an den Pfosten. "Da hab ich gedacht, das wird nix mehr heute", sagte Valente später, "aber Ernst hat uns alle Lügen gestraft." Die Verlängerung begann, als die meisten Zuschauer schon überlegten, wie man am schnellsten vom Parkplatz kommt. Doch Hordel drückte weiter: Tiago Valente rannte unermüdlich, Vincent Albinana prüfte Ebert erneut in der 114. Minute. Und als schon alle mit einem Elfmeterschießen rechneten, kam Kunkel - der linke Flügel, der eigentlich schon Krämpfe hatte. Valente flankte von rechts, der Ball segelte in den Strafraum, und Kunkel nahm ihn volley. Es war, wie man so schön sagt, "einer für die Ewigkeit". 120. Minute. 1:0. Stadion explodiert. "Ich hab nur noch den Pfosten gesehen und gehofft, dass der Ball reingeht", lachte Kunkel später, "dann war’s einfach nur noch laut." Torjubel, Tränen, Erleichterung - und irgendwo im Hintergrund Trainerin Finkeldy, die kurz überlegte, ob sie den Schiedsrichter um den Schlusspfiff bitten sollte, bevor noch jemand auf die Idee kommt, ein zweites Tor zu schießen. BV-Trainer (der sich nach Spielende in der Mixed Zone rar machte) soll nur gesagt haben: "Man kann nicht 120 Minuten verteidigen und gleichzeitig hoffen, dass der Fußballgott Mitleid hat." Recht hat er wohl. Die Zahlen untermauern die Dramatik: 23:1 Torschüsse, 58 Prozent Ballbesitz, 59 Prozent Zweikampfquote für Hordel - und trotzdem war es bis zur letzten Sekunde ein Nervenspiel. "Das ist Pokal, da darf’s auch mal wehtun", meinte Finkeldy mit einem halben Lächeln. Für Cloppenburg bleibt immerhin die Erkenntnis, dass man mit Disziplin und einem überragenden Torwart auch gegen übermächtige Gegner bestehen kann - zumindest 119 Minuten lang. Für Hordel hingegen ist es der Sieg der Geduld, der Beharrlichkeit und, nun ja, der schieren Schusswut. Als die Spieler in die Kabine gingen, flüsterte einer der Ordner: "Die hätten heute 5:0 gewinnen müssen." Ein anderer grinste: "Aber dann wär’s ja kein echter Pokalabend gewesen." So bleibt dieser 3. Juni 2026 als jener Tag im Gedächtnis, an dem Ernst Kunkel in der letzten Minute der Verlängerung zur Hordeler Legende wurde - und 35.400 Zuschauer nach Hause gingen mit dem Gefühl, dass Geduld manchmal doch belohnt wird. Und irgendwo in der Nacht, wahrscheinlich bei einem isotonischen Kaltgetränk, wird Ute Finkeldy leise gesagt haben: "120 Minuten. Aber Hauptsache, wir sind weiter." 26.12.644002 05:37 |
Sprücheklopfer
Ich glaube, daß der Tabellenerste jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann.
Berti Vogts