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Last-Minute-Schock: Eschborn stiehlt Bad Urach den Punkt in letzter Sekunde

Ein Fußballspiel kann 90 Minuten lang wie ein lauwarmes Sonntagsfrühstück wirken - und dann reicht ein einziger Bissen, um alles zu verändern. Der FV Bad Urach erlebte am 14. Spieltag der 1. Liga Deutschland genau dieses bittere Rezept. Vor 37.621 Zuschauern schnappte sich der 1. FC Eschborn in der Nachspielzeit einen 1:0-Auswärtssieg, der in seiner Spätphase so unverschämt kam, dass mancher Zuschauer wohl noch heute ungläubig auf die Stadionanzeige starrt.

Dabei war lange Zeit alles angerichtet für ein torloses, aber ehrliches Remis. Bad Urachs Trainer Giuseppe Spera hatte seine Mannschaft auf Konterfußball eingestellt: "Wir wussten, dass Eschborn Druck machen würde. Also wollten wir ihnen ein bisschen den Ball schenken - quasi als Gastgeschenk", meinte er später mit einem schiefen Grinsen. In Zahlen: 41 Prozent Ballbesitz und gerade einmal drei Torschüsse. Das liest sich nicht wie ein Offensivfeuerwerk, eher wie eine Kerze im Wind.

Eschborn dagegen kam mit der Brechstange, dem Vorschlaghammer und vermutlich auch einem Presslufthammer. 23 Torschüsse, 59 Prozent Ballbesitz, zwei Gelbe Karten - aggressiv, offensiv, aber bis zur 90. Minute erfolglos. Besonders Fernando Antonio und Nevio Dietrich ballerten, was das Leder hergab, aber Bad Urachs Keeper Werner Schultz wurde zum fliegenden Helden des Abends. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", sagte Schultz nach dem Spiel. "Gefühlt war jeder zweite Ball von denen auf mein Tor. Ich dachte, ich steh bei einem Schuss-Training - nur dass keiner mit mir lachen wollte."

Die Partie begann harmlos: Ein früher Distanzschuss von Elias Rodriguez in der achten Minute weckte kurz Hoffnung im weiten Rund, aber Eschborn übernahm schnell das Kommando. Antonio prüfte Schultz mehrfach, Oskar Mayr versuchte es über links, Dietrich über rechts, doch der Ball wollte einfach nicht ins Netz. Selbst die Latte vibrierte irgendwann aus Mitleid.

Zur Halbzeit blieb es beim 0:0. Auf der Tribüne fragte ein älterer Fan mit Bratwurst in der Hand: "Spielen die eigentlich noch oder warten die auf Verlängerung?" - eine berechtigte Frage.

Nach dem Seitenwechsel änderte sich wenig am Bild: Bad Urach verteidigte mit Herz, Eschborn suchte verzweifelt den Dosenöffner. In der 50. Minute brachte Spera frische Beine, wechselte Hermann Nowak für Lars Schmidt ein. "Wir wollten das Zentrum stabil halten", erklärte Spera. Man könnte auch sagen: Er wollte einfach, dass es nicht auseinanderfällt.

Eschborns Coach Yas Sin, stets mit finsterer Miene an der Seitenlinie, wirkte zunehmend genervt. "Ich hab ihnen gesagt: Jungs, irgendwann muss einer den Ball ins Tor prügeln. Nicht immer nur draufhalten, auch mal zielen!", so Sin nach dem Spiel. Seine Worte fanden Gehör - spät, aber immerhin.

Als die Nachspielzeit bereits angebrochen war, kam der Moment, auf den Eschborn 89 Minuten gewartet hatte. Der junge Linus Fritsch flankte von rechts, Jan Sestak nahm den Ball zentral an und schob ihn eiskalt ins linke Eck. 1:0 in der 90. Minute - und plötzlich brannte der Gästeblock. "Ich hab nur noch gedacht: Bitte pfeif ab, bevor sie merken, dass es wirklich drin ist", witzelte Sestak später.

Während Eschborn jubelte, sank Bad Urachs Abwehrchef Haim Sapir zu Boden, als hätte ihn ein unsichtbarer Vorschlaghammer getroffen. Trainer Spera stand regungslos an der Linie, ein Bild des stillen Entsetzens. Erst nach dem Schlusspfiff murmelte er: "So ist Fußball - manchmal gewinnst du, manchmal schaut’s so aus wie heute."

Eschborns Statistikwerte untermauern den Sieg: 23 Schüsse auf das Tor, 57 Prozent gewonnene Zweikämpfe, ein Torwartwechsel in der Pause - und am Ende ein Last-Minute-Triumph. Bad Urach dagegen bleibt mit mageren Offensivwerten und leerem Punktekonto zurück.

"Wir haben gekämpft, wir haben geblockt, wir haben gerutscht", fasste Verteidiger Patrick Kramer zusammen. "Aber wenn du 89 Minuten lang Beton anrührst und dann einer den Eimer umtritt, sieht’s halt doof aus."

Vielleicht trifft er damit den Kern des Abends: Bad Urach hat alles getan, um den Punkt zu retten, doch Eschborn wollte einfach mehr. Und wer in der letzten Minute noch einen Treffer erzwingt, darf sich den Sieg auch mitnehmen - selbst wenn es erst nach 22 erfolglosen Versuchen klappt.

Oder, wie Eschborns Coach Sin es trocken formulierte: "Wir haben 90 Minuten lang angeklopft. Irgendwann musste ja mal einer aufmachen."

Ein letztes Wort? Für Bad Urach war’s ein bitterer Abend, für Eschborn ein spätes Fest. Und für die neutralen Zuschauer der Beweis, dass Fußball manchmal das grausamste und schönste Spiel zugleich ist - oft in derselben Minute.

11.04.643994 04:25
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