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1869 Zuschauer im altehrwürdigen Stadion an der Höhenstraße hielten am Mittwochabend den Atem an, als die Nachspielzeit anbrach. 0:0 stand es nach 90 Minuten zwischen dem SV Berg-Gladbach und Viktoria Kahl - ein Ergebnis, das so gerecht wie einschläfernd wirkte. Doch dann kam Minute 91, und plötzlich war alles anders: Der 17-jährige Gerrit Van Buren, zart gebaut, aber mit einem linken Fuß wie aus Stahl, traf nach Vorlage von Stefan Ziegler zum 0:1-Endstand. Ein Teenager raubte einer routinierten Heimelf den Schlaf. "Ich hab einfach draufgehalten, ehrlich gesagt", grinste Van Buren nach dem Spiel, als wäre es das Normalste der Welt, ein Landesliga-Spiel in der Nachspielzeit zu entscheiden. "Stefan hat den Ball super durchgesteckt - danach hab ich gar nicht mehr viel gedacht." Trainer Rainer Zufall, dessen Name an diesem Abend alles andere als Programm war, klopfte seinem Youngster auf die Schulter: "Der Junge hat Nerven wie Drahtseile. Und das mit 17! Ich war in dem Alter froh, wenn ich meinen Wecker morgens richtig gestellt habe." Dabei hatte alles nach einem typischen Landesliga-Abend gerochen - Flutlicht, Bratwurstduft, und ein Spiel, das mehr vom Willen als von der Finesse lebte. Die Gastgeber aus Berg-Gladbach versuchten es offensiv, wie es ihre Taktik auch vorgab, doch ein einziger Torschuss auf das gegnerische Tor (ja, einer!) spricht Bände. Raul Futre probierte es in der 19. Minute mit einem beherzten Versuch, aber Viktoria-Keeper Joshua Hinz war genauso wach wie die Grillzange des Imbissmannes. Danach wurde der Berg-Gladbacher Angriff so unsichtbar wie der Ballbesitzvorteil, den sie kurzzeitig hatten - 47 Prozent, immerhin. Viktoria Kahl hingegen schien alles richtig zu machen, bis auf das Toreschießen. 15 Torschüsse, dazu ein Ballbesitz von 52,6 Prozent - das klang nach Dominanz, sah aber lange Zeit nach Verzweiflung aus. Marc Schmidt, Heinz Haase, Gerrit Van Buren - sie alle prüften Olaf Rothe im Gladbacher Tor, der an diesem Abend offenbar beschlossen hatte, sich für den "Torhüter des Monats" zu bewerben. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen", schnaufte Rothe später. "Die haben aus allen Lagen geballert. Ich dachte schon, die spielen Darts, nicht Fußball." Einziger Dämpfer für die Gäste: In der 66. Minute musste der flinke Rechtsaußen Yanik Hennig verletzt vom Platz. Er wurde durch den 17-jährigen Mike Becker ersetzt - frischer Wind, der sich später als Glücksgriff herausstellen sollte, denn Viktoria bekam durch die Umstellungen mehr Zugriff auf das Zentrum. Und als alle schon mit einem torlosen Unentschieden lebten, drückten die Kahler plötzlich das Gaspedal durch. Pressing? Ja! Mut? Doppelt ja! Dann kam die 91. Minute. Ziegler, der unermüdliche Linksaußen, legte quer, Van Buren zog ab - und das Netz zappelte. Jubel, Chaos, Fassungslosigkeit. Auf der Berg-Gladbacher Bank flogen Wasserflaschen, auf der Viktoria-Bank Umarmungen. Trainer Zufall rannte an der Seitenlinie entlang, als hätte er gerade den Lotto-Jackpot gezogen. Für Berg-Gladbach-Coach - dessen Name an diesem Abend wohl lieber unerwähnt bleibt - war der Schock tief. "Wir haben eigentlich gut verteidigt", knurrte er nach Schlusspfiff, "aber Fußball dauert eben nicht 90, sondern 91 Minuten." Seine Spieler schlichen wortlos in die Kabine, während die Gäste ausgelassen vor ihrer Kurve tanzten. Statistisch gesehen war das Ergebnis verdient. 15:1 Torschüsse, 58 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Viktoria Kahl hatte schlicht mehr vom Spiel. Und doch schien es, als hätte der Fußballgott bis zur letzten Minute gewartet, um das Pendel in die richtige Richtung schwingen zu lassen. "Das war unser bestes Spiel seit Wochen", lobte Zufall seine junge Truppe. "Und wenn man bedenkt, dass die halbe Mannschaft noch nicht einmal Auto fahren darf, dann ist das schon beeindruckend." Für den SV Berg-Gladbach hingegen bleibt die Erkenntnis: Man kann offensiv aufgestellt sein und trotzdem harmlos bleiben. Vielleicht wäre ein bisschen weniger "offensiv" und ein bisschen mehr "Effizienz" der bessere Plan gewesen. Oder, wie ein Fan im Stehblock trocken kommentierte: "Wenn man einmal aufs Tor schießt, muss der halt auch rein." So endete ein Flutlichtspiel, das lange dahinplätscherte und dann mit einem späten Paukenschlag endete. Viktoria Kahl reist mit drei Punkten im Gepäck und einem 17-jährigen Matchwinner nach Hause - Berg-Gladbach bleibt mit leeren Händen und einer bitteren Erkenntnis zurück: Wer zu spät trifft, den bestraft das Spiel. Und irgendwo in Kahl wird heute Nacht ein Jugendspieler mit einem breiten Grinsen einschlafen - und vielleicht davon träumen, dass das erst der Anfang war. 09.05.644000 21:23 |
Sprücheklopfer
Hey Heynckes, gehen wir mal gerade vor die Tür!
Stefan Effenberg in der Kabine zu Trainer Jupp Heynckes