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Ein lauer Abend in Guadalajara, 47.270 Zuschauer im Estadio Jalisco, und die "Leones Negros" zeigen, dass man auch mit knapp unter 50 Prozent Ballbesitz (49,5 %, um genau zu sein) ein Spiel kontrollieren kann - vorausgesetzt, man hat Herz, Mut und einen Oliver Kenny in Spiellaune. Der 29-jährige Rechtsaußen wurde in der 29. Minute zum Helden des Abends, als er nach feinem Zuspiel von Wouter Onderdonk den Ball humorlos unter die Latte nagelte. 1:0 - und das blieb es auch bis zum Schluss. Dabei begann die Partie, wie sie enden sollte: wild, ungestüm und mit viel Getöse. Schon in der ersten Minute prüfte Onderdonk Monterreys Torhüter Erem Kahveci per Distanzschuss. Trainer Joe Pass der Leones Negros gestikulierte an der Seitenlinie wie ein Dirigent mit Koffeinüberschuss. "Wir wollten sofort zeigen, dass wir nicht auf Statistiken, sondern auf Leidenschaft setzen", sagte Pass später mit einem Grinsen, das irgendwo zwischen Stolz und Erleichterung rangierte. Monterrey, die "Albiazules", hielten dagegen, allerdings ohne großen Esprit. Ihre Taktik blieb über die gesamte Spielzeit "balanciert", was in der Übersetzung so viel heißt wie: Wir machen mal das, was der Gegner nicht macht. Und das war in diesem Fall ziemlich wenig. Zwar hatten sie mit 50,5 % leicht mehr Ballbesitz, aber was nützt das, wenn man daraus keine Tore bastelt? In der 18. Minute sah Eli Benado Gelb, nachdem er mehr Bein als Ball getroffen hatte. "Ich wollte den Ball treffen, aber der Ball wollte nicht", erklärte er nach dem Spiel schulterzuckend. Der Schiedsrichter hatte weniger Verständnis für philosophische Ansätze im Mittelfeld. Dann kam die 29. Minute. Onderdonk, der niederländische Taktgeber im Zentrum, warf einen dieser butterweichen Pässe in den Lauf von Kenny. Zwei Kontakte, Schuss, Tor. Keine Chance für Kahveci. Jubel auf den Rängen, der Sound einer ganzen Stadt, die nach dieser Saison endlich wieder an die obere Tabellenhälfte glaubt. "Ich hab einfach draufgehalten", sagte Kenny, als wäre das die einfachste Sache der Welt. "Und dann hab ich mich gefragt, warum ich das nicht öfter tue." Bis zur Pause drückten die Leones weiter. Nuno Doreste, der 19-jährige Linksverteidiger, versuchte sich kurz vor dem Halbzeitpfiff an einem Volleyschuss - knapp vorbei, aber mit Applaus bedacht. Monterrey kam kaum aus der eigenen Hälfte; ihre beste Chance hatte Diego Menendez in der 20. Minute, doch sein Schuss landete dort, wo sich sonst nur verirrte Tauben niederlassen. Nach dem Seitenwechsel dasselbe Bild: Leones Negros offensiv, aggressiv, manchmal übermotiviert. Pau Cunha hatte schon früh Gelb gesehen, also mahnte ihn Kapitän Almeida zur Vorsicht. "Er sagte, ich solle weniger beißen", lachte Cunha später, "aber wir heißen ja Leones!" In der 62. Minute musste Keeper Bradley Gagnon erstmals ernsthaft eingreifen, als Menendez erneut abzog - ein Reflex, ein Raunen durchs Stadion, und Gagnon winkte lachend ab: "Ich wollte nur zeigen, dass ich auch da bin." Die Schlussphase brachte noch ein paar Kuriositäten. Torwartwechsel in der 87. Minute - Gagnon raus, der junge Noe Peyroteo rein. Joe Pass erklärte die Entscheidung trocken: "Bradley wollte sich den Applaus abholen. Ich bin ja kein Unmensch." Zwei Minuten später kam George Desjardins für Doreste, und in der 90. Minute durfte Nelio Barros noch ein paar Meter trippeln, bevor der Schlusspfiff den Heimsieg besiegelte. Monterrey kassierte in der 88. Minute noch eine weitere Gelbe für Nevio Santos - sinnbildlich für ein Team, das zwar bemüht war, aber nie gefährlich wirkte. Zehn Torschüsse für die Leones, nur sechs für die Gäste, und eine Zweikampfquote von 52,7 % zugunsten der Gastgeber sprechen eine klare Sprache: Die Löwen bissen heute zuerst - und zuletzt. Trainer Joe Pass resümierte im Kabinengang: "Schön, wenn Taktik und Herz mal gleichzeitig funktionieren." Kapitän Almeida ergänzte: "Wir wollten die Fans mitnehmen - und sie haben uns getragen." Und so verließ man das Stadion mit einem Gefühl, das selten geworden ist: ehrlicher Fußball, ein hart erkämpftes 1:0 und die Erkenntnis, dass man auch ohne Ballbesitz Meister der Herzen sein kann. Oder wie ein Zuschauer beim Rausgehen murmelte: "Manchmal reicht ein Tor - wenn’s das Richtige ist." 18.07.644000 13:04 |
Sprücheklopfer
Freundschaften zählen für mich sehr, aber nicht in diesem Geschäft. Ich habe Jürgen Gelsdorf vor die Tür gesetzt, der war sogar mein Trauzeuge.
Rainer Calmund