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An diesem Pokalabend in Southampton war alles dabei: frühe Hoffnung, späte Dramatik, Flutlicht, Regen und 57.492 Zuschauer, die zwischen Euphorie und Herzstillstand pendelten. Am Ende jubelten die Liverpool Reds - aber nur hauchdünn. Nach 120 nervenaufreibenden Minuten und einem Elfmeterschießen, das vermutlich noch in Jahrzehnten in südenglischen Pubs besungen werden wird, stand es 10:11 (0:1). Dabei hatte alles so ruhig begonnen. Liverpool, mit der gewohnten Selbstverständlichkeit eines Traditionsklubs, übernahm von Beginn an das Kommando. 60 Prozent Ballbesitz, 21 Torschüsse, eine Passquote, die jedem Statistikliebhaber Tränen der Freude in die Augen trieb. Und doch war es kein Spaziergang. Der FC Southampton, anfangs nervös, später mutig bis waghalsig, stemmte sich mit Leidenschaft gegen die anrollende rote Welle. Das 0:1 fiel früh: In der 11. Minute traf Thomas Lester nach Vorarbeit von Alessandro Marcedusa - ein Treffer aus dem Lehrbuch. "Ich hab den Ball perfekt getroffen, ehrlich gesagt, wollte ich flanken", grinste Lester später in der Mixed Zone. Trainer Kurt Kaiser nickte dazu nur trocken: "Wenn der Junge sagt, es war Absicht, dann war’s Absicht." Southampton-Coach Michael Böning hingegen stand mit verschränkten Armen an der Seitenlinie und kaute auffällig hektisch auf seinem Kaugummi. Seine Jungs brauchten eine halbe Stunde, um ins Spiel zu finden. Dann aber kamen sie - und wie! Gabriel Beecroft, quirlig wie ein Elektroschocker, prüfte Liverpools Keeper Charlie Leachman mehrfach. Doch erst nach der Pause zahlte sich der Aufwand aus. In der 65. Minute war Beecroft zur Stelle und traf zum 1:2-Anschluss, nachdem Marcedusa zuvor das zweite Tor für Liverpool erzielt hatte (51.). "Ich hab einfach nur draufgehauen", sagte Beecroft später lachend. "Wenn du in so einem Spiel nachdenkst, ist der Ball schon wieder weg." Das Stadion war nun elektrisiert. Southampton spielte plötzlich so, als hätten sie heimlich Batterien im Trikot. Und tatsächlich gelang der Ausgleich: Innenverteidiger Carles Ordono köpfte in der 74. Minute nach einer butterweichen Flanke von Matthew Finnan zum 2:2 ein. Dass Finnan später Gelb-Rot sehen sollte (89.), war eine Ironie der Fußballgötter. "Ich hab den Ball gespielt. Na ja, zumindest fast", meinte Finnan kopfschüttelnd. In Unterzahl rettete Southampton sich in die Verlängerung - und kämpfte dort, als ginge es um mehr als nur eine Pokalrunde. Manuel Tiago verletzte sich in der 111. Minute und humpelte vom Platz, während die restlichen Saints mit letzter Kraft verteidigten. Liverpool drückte, schoss, fluchte - fünf weitere Torschüsse, aber kein Durchkommen. "Wir hätten den Sack früher zumachen müssen", sagte Trainer Kaiser später. "Aber manchmal willst du die Fans einfach unterhalten." Dann das Elfmeterschießen. Ein Nervenspiel in Reinform. Für Southampton trafen Pizanti, Van Cortlandt, Benett, Nilsson, Ordono, Peter, Corey und erneut Pizanti. Doch Leo Broderick und Van Cortlandt vergaben - letzterer ausgerechnet jener, der zuvor noch als Vorbereiter geglänzt hatte. Bei Liverpool verwandelten Young, Ward, Kuqi, Arias, Marcedusa, Kristensen, Salinas, Xavier und am Ende Pedro Meireles den entscheidenden Strafstoß. Als Meireles anlief, hielt das ganze Stadion den Atem an. "Ich hab einfach die Augen zugemacht und gehofft, dass keiner merkt, wohin ich schieße", gestand er später mit einem Grinsen. Der Ball zischte ins Netz, Leachman lief jubelnd über den halben Platz, und die Reds feierten, als hätten sie gerade den Pokal gewonnen - was sie in dieser Nacht zumindest moralisch auch taten. Auf der anderen Seite lagen die Saints erschöpft am Boden, aber erhobenen Hauptes. Trainer Böning fasste es treffend zusammen: "Wenn man gegen Liverpool im Elfmeterschießen ausscheidet, darf man trotzdem stolz sein. Nur schade, dass es kein Schönheitspreis war." Und vielleicht war das das Schönste an diesem Abend: Zwei Mannschaften, die bis zum buchstäblichen letzten Schuss alles gaben - und ein Publikum, das begriff, dass Niederlagen manchmal größer sind als Siege. Southampton ist raus, ja. Aber sie gingen unter tosendem Applaus. Und Liverpool? Die tanzten noch lange im Regen. Kurios am Rande: Laut Statistik hatte Liverpool fast 60 Prozent Ballbesitz, Southampton hingegen die lauteren Fans. Und so hallte bis spät in die Nacht ein Ruf durchs Stadion: "Wir sehen uns wieder!" - vermutlich ein Versprechen, keine Drohung. Ein Abend, der zeigte: Pokal heißt Leidenschaft, Schweiß - und manchmal ein bisschen Wahnsinn. 03.05.643994 20:55 |
Sprücheklopfer
Er hat angezeigt, dass er in einer Minute ausgewechselt werden will.
Christoph Daum über einen Stinkefinger von Ulf Kirsten