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Es war einer dieser Abende, an denen man sich fragt, ob Fußball nicht doch ein bisschen Theater ist. 36.761 Zuschauer in Ludwigshafen bekamen jedenfalls Drama, Komödie und eine ordentliche Portion Tragik geboten - das Ganze endete mit einem 2:2, das beide Seiten mit gemischten Gefühlen verließen. Dabei hatte alles so eindeutig begonnen. Der SV Beuel, sonst eher für kontrollierte Langeweile bekannt, erwischte den besseren Start. Schon in der 17. Minute zirkelte Jorge Quaresma - nicht verwandt mit dem portugiesischen Namensvetter, aber ebenso trickreich - den Ball nach feiner Vorarbeit von Michel Herrero ins Netz. "Ich hab einfach mal draufgehalten, weil Michel so schön geguckt hat", grinste Quaresma nach dem Spiel. Ludwigshafens Keeper Alberto Corona sah dabei aus, als hätte er lieber die Abendnachrichten geschaut. Und Beuel blieb dran. In der 35. Minute erhöhte Mario Sousa nach einer butterweichen Flanke von Joonas Kallio auf 2:0. Trainer René Kuhl feierte an der Seitenlinie mit der Eleganz eines Mannes, der weiß, dass er gleich eine Pressekonferenz geben muss. "Wir haben in der ersten Halbzeit das gespielt, was wir trainieren. Also: alles richtig", sagte er später mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Stolz und Selbstschutz pendelte. Ludwigshafen dagegen? Viel Ballbesitz (am Ende 52,5 Prozent), viele Pässe - und wenig Zählbares. Trainer Frank Seil schnaubte in der Pause: "Wir hatten das Spiel im Griff - außer bei den Toren." Ein Satz, der so nur in Fußballerkreisen als positives Fazit durchgeht. Doch dann kam die zweite Halbzeit, und mit ihr die Rückkehr des Glaubens. In der 51. Minute zimmerte Abbas Bischara den Ball nach Pass von Joel Fournier in die Maschen. Ein Treffer aus dem Lehrbuch: kurz, präzise, entschlossen. Die Südtribüne erwachte aus der Schockstarre, und der Stadionsprecher klang plötzlich zwei Oktaven höher. Nur drei Minuten später legte Oleg Smertin, Ludwigshafens rechter Verteidiger mit der Schusskraft eines Presslufthammers, das 2:2 nach. Constantin Nowak hatte ihm den Ball maßgeschneidert aufgelegt. "Ich wollte eigentlich flanken", gestand Smertin danach augenzwinkernd. "Aber wenn der Ball dann reingeht, war’s natürlich Absicht." Von da an entwickelte sich ein offener Schlagabtausch. Ludwigshafen drückte, Beuel konterte, und irgendwo zwischen den Strafräumen wuchs der Rasen sichtbar nach. Elf Torschüsse für die Hausherren, neun für die Gäste - statistisch ein leichtes Übergewicht für Ludwigshafen, optisch aber das Chaos auf bestem Unterhaltungsniveau. In der 61. Minute sah Innenverteidiger John Beecroft Gelb, weil er offenbar kurz vergessen hatte, dass Grätschen im Mittelfeld selten als Liebesbeweis gewertet wird. Zehn Minuten später tat es ihm Thomas Scharboneau gleich - auch er notierte sich einen gelben Eintrag fürs Poesiealbum des Schiedsrichters. "Ich wollte nur den Ball", meinte Scharboneau später, "aber der Ball wollte mich nicht." Beuel wirkte nach dem Doppelschlag verunsichert, während Ludwigshafen plötzlich den Glauben an sich selbst gefunden hatte - oder wenigstens an die Stadionwurst. Trainer Kuhl reagierte, brachte in der 67. Minute Jürgen Michels für den ausgelaugten Herrero. Später kamen noch Torsten Behrens und Christoph Schulz, beide mit dem Auftrag, "irgendwie dichtmachen". Das klappte halbwegs, denn Ludwigshafen rannte bis zur letzten Minute an, ohne noch ein Tor zu finden. Kurz vor Schluss wechselte auch Seil: Heinz Schrader (20) und Klaus Schilling (19) durften noch Bundesliga-Luft schnuppern. Schrader wirkte nervös, Schilling rief seinem Trainer laut zu: "Coach, was ist mein Auftrag?" - worauf Seil trocken antwortete: "Tu so, als wärst du schon länger hier." Nach dem Abpfiff standen sich zwei erschöpfte, aber nicht unzufriedene Mannschaften gegenüber. "Ein Punkt ist besser als kein Punkt", sinnierte Beuels Kapitän Sousa, während Ludwigshafens Bischara ergänzte: "Aber zwei wären schöner gewesen." Die Statistik bestätigte, was das Gefühl ohnehin sagte: Ludwigshafen hatte mehr Ballbesitz, mehr Abschlüsse und mehr Wut im Bauch - Beuel dafür die klarere erste Halbzeit. Ein gerechtes Unentschieden also, auch wenn keiner so recht wusste, woran es eigentlich lag. Trainer Seil brachte es zum Schluss auf den Punkt: "Wir haben zwei Gesichter gezeigt. Das eine war hässlich, das andere wenigstens ungeschminkt." Und so ging ein Flutlichtabend zu Ende, der kein Sieger kannte, aber viele Geschichten schrieb - von Traumtoren, trotzigem Aufbäumen und der Erkenntnis, dass Fußball manchmal eben eine Mischung aus Hoffnung, Zufall und Komödie ist. Nächste Woche geht’s weiter. Beuel empfängt den Tabellenführer, Ludwigshafen reist nach Augsburg. Und wer weiß - vielleicht üben sie bis dahin sogar Flanken, die wirklich als Flanken gedacht sind. 28.09.643996 15:20 |
Sprücheklopfer
Jetzt müssen wir gegen Stuttgart gewinnen. Ob wir wollen oder nicht.
Otto Rehhagel