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Ein kühler Aprilabend an der Ostsee, 34.136 Zuschauer im ausverkauften Stadion von BKS Gdańsk - und eine Heimmannschaft, die offenbar vergessen hatte, dass Fußball auch defensiv gespielt werden kann. Trainer Mike Matt ließ offensiv auflaufen, als gelte es, die Liga in einem Spiel zu entscheiden. Am Ende stand ein standesgemäßes 3:1 gegen Jarota Jarocin - und ein Publikum, das sich zwischen Begeisterung und ungläubigem Staunen kaum entscheiden konnte. Schon in den ersten Minuten war klar, wer hier das Kommando übernehmen wollte. Gdańsk presste zwar nicht aktiv, aber ließ den Ball mit fast frechem Selbstverständnis laufen. Jarota Jarocin setzte auf Balance, also weder Fisch noch Fleisch - und bekam prompt Probleme, die schnellen Flügel der Gastgeber unter Kontrolle zu bringen. Bereits nach fünf Minuten prüfte Daniel Jelen den Keeper Ziganda mit einem satten Schuss aus der zweiten Reihe, der aber noch pariert wurde. In der 14. Minute dann der erste Schockmoment für die Gäste: Jermolai Budjanski musste verletzt raus, nachdem er unglücklich in einen Zweikampf mit Gancarczyk geraten war. "Ich habe nur den Ball gesehen - und dann den Rasen", ächzte der Pechvogel später. Trainer Henryk Kasperczak brachte Jay Sterling, eigentlich Innenverteidiger, und verschob alles ein bisschen - allerdings nicht zum Besseren. Das 1:0 fiel in der 34. Minute, und es war schön genug, um als Postkarte verschickt zu werden: Adam Żuraw flankte von rechts mit so viel Gefühl, dass selbst die Möwen über dem Stadion kurz innehielten, und Jacek Majewski köpfte wuchtig ein. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", grinste Trainer Matt nach dem Spiel, "aber Jacek kann offenbar auch Physik überlisten." Mit dieser Führung ging’s in die Pause, und wer dachte, Gdańsk würde nun auf Verwaltung schalten, sah sich getäuscht. Direkt nach Wiederanpfiff brannte es lichterloh im Strafraum der Gäste. In der 48. Minute traf Marcel Bak, der rechte Flügelwirbel, nach herrlicher Vorlage von Linksverteidiger Josef Arens - der später noch Gelb sah, weil er ein taktisches Foul ein wenig zu theatralisch ausführte. Nur eine Minute später legte Majewski nach, erneut auf Pass von Żuraw. 3:0 nach 49 Minuten - das Spiel war praktisch gelaufen, aber Gdańsk hatte offenbar Spaß daran, weiter anzugreifen. "Wir wollten eigentlich auf Konter spielen", erklärte Jarotas Trainer Kasperczak mit einem gequälten Lächeln, "aber man muss auch mal einen Konter bekommen, um ihn spielen zu können." Seine Mannschaft kam kaum über die Mittellinie, und wenn, dann nur in Form von harmlosen Fernschüssen. Doch ganz willenlos ergab sich Jarota nicht. In der 71. Minute, als die Gastgeber schon etwas zu verspielt wirkten, gelang Rahman Özdenak der Ehrentreffer. Nach schöner Vorarbeit von Andrzej Fojut zog der bullige Mittelstürmer aus 16 Metern ab - unhaltbar für Logan Poe im Gdańsk-Tor. "Ich hab’ den Ball nur gehört", meinte Poe hinterher trocken. Danach war es ein Spiel auf Zeit. Gdańsk ließ den Ball laufen, Jarota lief hinterher - und die Zuschauer vergnügten sich mit "Olé"-Rufen. In der 85. Minute sah Arens noch Gelb, offenbar weil er den Unmut der Jarota-Bank mit einem breiten Grinsen provozierte. "Ich hab nur gelächelt", verteidigte er sich später, "aber vielleicht zu schön." Statistisch betrachtet war das Spiel fast ausgeglichen im Ballbesitz - 49,9 Prozent für Gdańsk, 50,1 für Jarota - doch das war eine dieser Zahlen, die man nur glaubt, wenn man nicht hingeschaut hat. 17:6 Torschüsse für die Hausherren sagen mehr über die Kräfteverhältnisse aus. Nach Abpfiff fasste Trainer Matt die Stimmung zusammen: "Wir spielen offensiv, weil wir’s können. Wenn wir mal defensiv spielen, ist das vermutlich ein Versehen." Sein Gegenüber Kasperczak nickte müde: "Manchmal ist Fußball einfach - die einen treffen, die anderen nicht." So blieb es beim verdienten 3:1 für BKS Gdańsk, das damit Anschluss an die Tabellenspitze hält. Und während die Fans jubelnd das Stadion verließen, summte ein älterer Herr auf der Tribüne leise vor sich hin: "So schön kann ein Mittwochabend sein." Ein Augenzwinkern zum Schluss: Wenn Jacek Majewski weiter so trifft, wird bald nicht mehr gefragt, ob er den Ball wollte - sondern ob der Ball ihn wollte. 22.06.643997 14:01 |
Sprücheklopfer
Zum Schluss mussten wir Markus Happe einen Kompass geben, damit er den Weg in die Kabine findet.
Rainer Calmund