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Ein lauer Abend am Lago de Maracaibo, 39.351 Zuschauer, ein Flutlicht, das flackert, und zwei Teams, die sich nichts schenken. CF Maracaibo empfing am 16. Spieltag der 1. Liga Venezuela Colegio Merida - ein Duell, das auf dem Papier nach Routine klang, auf dem Rasen aber zum emotionalen Schleudergang wurde. Am Ende stand ein 2:1-Heimsieg, der Trainer Sprego Boss sichtbar graue Haare kostete - und die Fans in Ekstase versetzte. "Ich habe mich schon in der 70. Minute gefragt, ob die Jungs mich ärgern wollen", grinste Boss nach dem Spiel, "und dann machen sie zwei Tore in zwei Minuten. Wahrscheinlich, um mich zu testen." Dabei sah es lange nicht nach Maracaibos Abend aus. Die Gäste aus Merida starteten mutig, aggressiv, mit einer offensiven Ausrichtung, die von Trainer Jupp Tenhagen offenbar mit dem Schlachtruf "Alle nach vorn!" eingeleitet wurde. Schon nach acht Minuten gab’s die erste Gelbe Karte für Rechtsverteidiger Marek Dobias - Zeichen genug, dass Merida nichts anbrennen lassen wollte. In der 22. Minute dann der verdiente Lohn: Elmo Groat zieht auf rechts durch, flankt flach in die Mitte, Charles Lancaster hält den Fuß hin - Tor! 0:1, und es wurde still im Stadion. Zumindest für drei Sekunden, ehe die Heimfans in die berühmte venezolanische Mischung aus Pfeifen und Trommeln verfielen. "Ich dachte, der Ball sei schon draußen", gab Maracaibos Torwart Nelio Antonio später zu. "War er leider nicht." Maracaibo hatte mehr Ballbesitz (54 Prozent) und suchte sein Heil in 19 Torschüssen - aber lange ohne Fortune. Pedro Claverias, der erfahrene Linksaußen, prüfte Meridas Keeper Louis Reimann beinahe im Fünf-Minuten-Takt, doch der deutsche Schlussmann hielt, was zu halten war. In Minute 63 musste Claverias dann verletzt raus - Pechvogel des Abends. "Ich wollte eigentlich noch ein Tor machen, aber mein Oberschenkel hatte andere Pläne", murmelte er mit einem schiefen Lächeln auf der Bank. Sprego Boss reagierte, brachte den jungen Inigo Aguas, stellte auf frische Flügel um - und plötzlich wirkte Maracaibo lebendiger. "Wir haben gemerkt, dass Merida müde wurde", erzählte Kapitän Henri Cloutier. "Da mussten wir nur noch zustechen." Und gestochen haben sie: In der 71. Minute setzte sich Rechtsverteidiger Alberto Izquierdo durch, flankte perfekt auf Xabi Salinas - und der drosch den Ball ins Netz. 1:1! Die Tribünen bebten, die Trommeln explodierten, und kaum hatten sich die Gäste neu sortiert, schlug Maracaibo erneut zu. Nur eine Minute später, 72. Minute: Marc Celine schickt James Robinson steil, der zieht aus 16 Metern ab - 2:1! Das Stadion schwankte wie ein Boot im Sturm. "Das war wie ein Stromschlag", stöhnte Meridas Trainer Tenhagen später. "Wir haben den Stecker gezogen bekommen und standen da wie eingefroren." Die Gäste versuchten, sich zurückzukämpfen - mit Nachdruck, Leidenschaft und, wie die Statistik zeigt, immerhin zehn Abschlüssen. Doch außer weiteren Gelben Karten für Günter Müller (74.) und Elmo Groat (80.) sprang nichts Zählbares mehr heraus. Als der Schiedsrichter nach 95 Minuten endlich abpfiff, war Meridas Offensive erschöpft, und Tenhagen starrte fassungslos auf den Rasen. Auch die Zuschauer hatten ihr Spektakel: Von gepflegtem Kurzpassspiel bis zu wilden Grätschen bot das Spiel alles, was venezolanischer Fußball so an Entertainment zu bieten hat. "Das war kein Spiel für Herzpatienten", lachte Boss in der Pressekonferenz. "Aber wenigstens kann ich jetzt behaupten, dass wir Drama können." Der Held des Abends, James Robinson, blieb bescheiden: "Ich hab einfach draufgehalten. Wenn man so viel trainiert, muss irgendwann einer reingehen." Sein Teamkollege Salinas ergänzte süffisant: "Ich hab’s ihm vorher gesagt - heute triffst du, Bruder." Merida dagegen reist mit hängenden Köpfen zurück in die Anden. "Wir waren 70 Minuten die bessere Mannschaft", haderte Kapitän Müller. "Aber Fußball dauert nun mal länger." Maracaibo springt mit dem Sieg in der Tabelle nach oben und zeigt, dass in diesem Team mehr steckt, als die erste Halbzeit vermuten ließ. Ein verdienter, wenn auch hart erkämpfter Erfolg - mit einem dramatischen Doppelschlag, der noch lange Gesprächsthema am Lago sein wird. Oder wie ein Fan mit verschwitztem Trikot beim Verlassen des Stadions rief: "Das war kein Spiel - das war eine Seifenoper mit Happy End!" Und vielleicht hat er recht. 03.05.643994 23:47 |
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Kriminaltechnisch gesehen ist eine Heimniederlage wie ein Einbruch.
Peter Neururer