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Ein lauer Aprilabend in Montevideo, 32.000 Zuschauer, ein Flutlicht, das so hell strahlt wie die Hoffnung der Heimmannschaft - und ein Spiel, das zeigte, dass Fußball manchmal kein Spiel der Logik ist. Deportivo Marde besiegte den favorisierten CD Cerrense mit 1:0, obwohl sie weniger vom Ball, weniger vom Spiel, aber eindeutig mehr vom Glück hatten. Schon die ersten Minuten gaben den Ton an: Antonio Melendez, der rechte Flügelstürmer mit der Schusstechnik eines Schmieds, prüfte den gegnerischen Keeper dreimal in den ersten 15 Minuten. "Ich dachte, irgendwann muss einer reinrutschen", grinste Melendez später. Ganz lag er damit nicht falsch - nur dauerte es eine Halbzeit länger. Cerrense hingegen begann, als wollten sie den Ball heiraten. Über 52 Prozent Ballbesitz, zwölf Torschüsse, aber der Torjubel blieb ein Phantom. Christian Petrizzi zirkelte in der 17. Minute knapp vorbei, Nael Marques prüfte in der 26. Minute den Fangreflex von Mardes Torwart Julian Aznar, und Joao Gomes traf in der 41. Minute nur den Innenpfosten. "Wenn das Tor zwei Zentimeter breiter wäre, hätten wir gewonnen", murrte Cerrenses Trainer Leahcim Gnipeur nach dem Abpfiff - halb im Spaß, halb im Schmerz. Die erste Halbzeit endete torlos, aber keineswegs ereignislos. Tomasz Weise, Mardes Innenverteidiger mit der Körpersprache eines Türstehers, sah in der fünften Minute Gelb. "Ich wollte nur den Ball treffen", verteidigte er sich später, "aber der Ball hat sich entschieden, woanders hinzugehen." Der Schiedsrichter fand das weniger amüsant. Nach der Pause kam der Moment, der das Spiel entschied. Minute 47: Odysseas Christou tanzt elegant über den linken Flügel, hebt den Kopf, sieht Melendez starten - ein Pass, scharf wie ein Rasiermesser. Melendez nimmt an, zieht ab, Tor. 1:0. Ein Treffer, der aus dem Nichts kam und doch alles veränderte. "Das war der Plan", behauptete Mardes Coach später mit einem Zwinkern, "wir wollten Cerrense in Sicherheit wiegen." Man könnte auch sagen, sein Team hatte einfach den einen Moment, den die Gäste nie fanden. Cerrense reagierte wütend, fast panisch. Noch elfmal feuerten sie aufs Tor, doch Aznar im Marde-Kasten hatte offenbar einen guten Tag erwischt - oder ein Schutzengel-Abo abgeschlossen. Besonders Nael Marques versuchte es immer wieder, in der 59., 69. und 87. Minute. Jedes Mal dasselbe Bild: Schuss, Raunen, Seufzen. Dann die 80. Minute: Tomasz Weise, bereits verwarnt, grätscht beherzt in einen Zweikampf - etwas zu beherzt. Der Schiedsrichter zückt Rot. Marde nun zu zehnt, Cerrense wittert Morgenluft. Doch anstatt den Ausgleich zu erzwingen, erstickt der Gast an seiner eigenen Ungeduld. "Wir haben uns verzettelt", gab Gnipeur später zu, "zu viele Pässe, zu wenig Tore." Die Schlussphase war eine Mischung aus Nervenschlacht und Improvisationstheater. Mardes Trainer brüllte von der Seitenlinie: "Nur noch zehn Minuten, Jungs!" Aznar rief zurück: "Ich weiß!" - und faustete die nächste Flanke weg. Auf den Tribünen hielt niemand mehr still. Als der Schlusspfiff kam, lagen sich die Spieler von Deportivo Marde in den Armen, als hätten sie gerade die Meisterschaft gewonnen. In Wahrheit war es nur ein 1:0 am 34. Spieltag der uruguayischen Liga - aber eines, das in Erinnerung bleiben wird. Statistisch betrachtet war Cerrense besser: mehr Schüsse, mehr Ballbesitz, mehr Kontrolle. Doch Fußball ist kein Statistikseminar. Es ist ein Spiel, in dem einer trifft und der andere nicht. Und diesmal war der, der traf, Antonio Melendez. "Manchmal braucht man nur einen Moment", sagte er nach dem Spiel. "Und manchmal reicht einer, um ein ganzes Stadion glücklich zu machen." Vielleicht ist das der Zauber dieses Sports: Dass 47 Prozent Ballbesitz und ein Rotfoul trotzdem zu drei Punkten führen können. Oder, wie ein älterer Fan auf der Tribüne es zusammenfasste: "Wir hatten den Ball nicht oft - aber wenn wir ihn hatten, wussten wir wenigstens, was wir damit tun." Ein Satz, den Cerrense wohl so schnell nicht vergessen wird. 15.02.643997 15:25 |
Sprücheklopfer
Ottmar Hitzfeld ist noch nie auf die Tribüne verbannt worden, ich auch nicht. Aber bei mir wird es sicher nicht mehr lange dauern.
Matthias Sammer