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Wer sich am Freitagabend im Hamburger Stadion auf einen gemütlichen Fußballabend eingestellt hatte, bekam stattdessen eine Achterbahnfahrt geboten, die selbst hartgesottenen Fans den Puls hochtreiben musste. Am 34. Spieltag der 2. Liga Deutschland gewann der Hamburger SC vor 25.197 Zuschauern mit 4:3 (3:0) gegen die FT Schweinfurt - und das, obwohl der Sieg nach einer dominanten ersten Halbzeit plötzlich auf der Kippe stand. "Ich hab irgendwann aufgehört zu zählen, wie oft wir uns fast selbst geschlagen hätten", grinste HSC-Trainer Bernd Happel nach Abpfiff, sichtlich erleichtert und mit leicht zitternder Stimme. "Zum Glück hat der Junge da vorne einfach weitergemacht." Gemeint war natürlich Gerhard Merz - 18 Jahre alt, linkes Bein, goldener Fuß. Drei Tore erzielte das Hamburger Eigengewächs, eines schöner als das andere. Schon früh zeigten die Hanseaten, dass sie keine Lust auf Rechenspiele am letzten Spieltag hatten. In der 37. Minute eröffnete Merz den Torreigen, nach Vorarbeit von Benjamin Reich, der zuvor gleich zweimal aus der Distanz getestet hatte. Nur fünf Minuten später legte Merz nach - diesmal aus spitzem Winkel, als Schweinfurts Abwehr kollektiv auf den Pausenpfiff wartete. Und kaum hatte Stadionsprecher die Torschützenliste aktualisiert, da köpfte Innenverteidiger Celalettin Korkut in der 43. Minute zum 3:0 ein. Schweinfurt schien zu diesem Zeitpunkt eher auf einem Betriebsausflug an die Elbe als im Ligakampf. "Ich dachte, wir hätten das Ding zur Halbzeit schon im Rucksack", gab HSC-Kapitän Herman Carlsson später zu. "Aber dann haben wir wohl den Reißverschluss offen gelassen." Denn was danach kam, war ein kleiner Schweinfurter Orkan. Coach Kevin Ferry schien in der Kabine den richtigen Ton getroffen zu haben - vermutlich irgendwo zwischen Motivationsrede und Donnerwetter. In der 55. Minute schickte Sven Moser den bulligen Arik Tartman steil, der eiskalt zum 3:1 vollendete. Zwei Minuten später traf Moser selbst - 3:2, und plötzlich zitterte Hamburg. Als dann auch noch Linksverteidiger Manfred Betz in der 61. Minute nach einer Flanke von Stefan Riedel den Ausgleich erzielte, herrschte im Volkspark kurzzeitig gespenstische Stille. "Wir waren uns sicher, dass wir’s drehen", sagte Schweinfurts Coach Ferry später trotzig. "Aber dann hat der Bengel wieder zugeschlagen." Der Bengel - das war natürlich erneut Merz. In der 70. Minute nahm er eine Flanke von Julian Bischoff volley und hämmerte den Ball ins linke Eck. 4:3, die Erlösung. Happel riss die Arme hoch, während sein Gegenüber den Rasen mit einem Blick strafte, der vermutlich Brandflecken hinterließ. In den Schlussminuten wurde es noch einmal ruppig. Schweinfurts Verteidiger Tiago Barbosa, schon mit Gelb verwarnt, ging in der Nachspielzeit erneut zu ungestüm in einen Zweikampf - Gelb-Rot, Feierabend. "Ich wollte nur zeigen, dass ich noch da bin", murmelte Barbosa später bei einer Mischung aus Selbstironie und Scham. Statistisch gesehen war das Spiel so ausgeglichen, wie es das Ergebnis vermuten lässt: 13 Torschüsse für Hamburg, 17 für Schweinfurt, Ballbesitz fast pari - 50,5 zu 49,5 Prozent. Nur in Sachen Effizienz hatten die Hausherren die Nase vorn, und das lag vor allem an Merz, der mit jugendlicher Unbekümmertheit traf, als hätte er nie etwas anderes getan. Der Rest des Spiels? Eine Mischung aus Nervenspiel und Improvisationstheater. Schweinfurts Ersatzkeeper Veselin Krstajic, zarte 17 Jahre alt, durfte nach der Pause ran und hielt, was zu halten war - bis auf eben jenen Schuss von Merz. Auf Hamburger Seite kam Nachwuchsstürmer Zivojin Stevic noch zu einem Kurzeinsatz, während Coach Happel auf der Bank ständig zwischen "ruhig bleiben" und "was machen die da?" schwankte. Nach Abpfiff fielen sich alle in die Arme - die Hamburger vor Erleichterung, die Schweinfurter vor Erschöpfung. "Das war ein würdiger Abschluss", meinte Happel. "Auch wenn ich das meinen Nerven nicht noch mal antun möchte." Und während die Fans des HSC noch "Merz! Merz! Merz!" skandierten, sprach der 18-Jährige selbst ins Mikrofon: "Ich hab einfach versucht, Spaß zu haben. Und wenn dabei drei Tore rauskommen, kann ich damit leben." Ein Satz, der wohl bald auf einem T-Shirt in der Fankurve landen dürfte. Schlusswort: Fußball kann grausam sein - aber manchmal ist er einfach nur herrlich verrückt. Hamburg bleibt zweitklassig, Merz erstklassig, und Schweinfurt? Die nehmen immerhin drei Tore und eine Gelb-Rote Erinnerung mit nach Hause. 17.10.643993 22:28 |
Sprücheklopfer
Das Positive war, dass wir hinten zu Null gespielt haben. Das Negative war, dass wir auch vorne zu Null gespielt haben.
Felix Magath